HAUSMEISTER | 16 / 2013

Atelier Markgraph

Seit Mitte der 80er Jahre entwickelt das Frankfurter Designbüro „Kommunikation durch Raum“ – für Marken Kunst und Kultur.

HAUSMEISTER | 16 / 2013

Atelier Markgraph

Seit Mitte der 80er Jahre entwickelt das Frankfurter Designbüro „Kommunikation durch Raum“ – für Marken Kunst und Kultur.

Foto: Atelier Markgraph

Eine einheitliche Begriffsdefinition für die Aufgabenfelder der Frankfurter Agentur Atelier Markgraph zu finden, ist kein einfaches Unterfangen. Ähnlich schwierig wäre es, den Verlauf eines Flusses zu erzählen. Würde man an der Quelle zu beginnen – oder doch besser an der Mündung? Könnte man mit einer kontinuierlichen Abfolge von chronologischen Ereignissen dem Wesen eines Stromes wirklich gerecht werden – oder handelt es sich nicht eher um eine synchrone Gleichzeitigkeit andauernder Überblendungen?

Das Atelier Markgraph ist eine Agentur für –  ja, wofür eigentlich? Ausstellungsdesign? Oder Kommunikationsdesign? „Kommunikation im Raum” wird das, was wir machen, offiziell genannt. Diese Bezeichnung ist eigentlich überholt, weil sie eine Trennung von Raum und Kommunikation unterstellt. Richtiger wäre das englische ‚Spatial Communication’, weil so die ‚Kommunikation durch Raum’ genauer beschrieben wird“, sagt Meinhard Hutschenreuther, einer der Gründer von Atelier Markgraph. Für eine gelungene räumliche Inszenierung arbeitet eine Vielzahl von Köpfen und Disziplinen zusammen. Diese Vielgestaltigkeit hat ihren Einfluss auch auf die Außenwirkung: „Auch heute suchen Auftraggeber und Medien nach dem einen Pressebild, der einen Headline, dem einzelnen Star. Unsere Struktur weicht davon ab: Bei Markgraph steht das Team im Mittelpunkt, nicht die Einzelleistung“, sagt der Geschäftsführer Lars Uwe Bleher. „Wir wollen bei Markgraph keine einheitliche formale Handschrift. Jedes Projekt steht für sich und entwickelt sich aus der jeweiligen Aufgabenstellung“, fügt Meinhard Hutschenreuther an.

Und so nähern wir uns bei dem Versuch, die Arbeitsweise, Aufgabenfelder und Projekte von Atelier Markgraph zu definieren, zyklisch der Arbeitsstruktur bei Markgraph. Architekten, Innenarchitekten, Kommunikations- und Industriedesigner, Ausstellungsgestalter, Redakteure Texter, Producer, Regisseure und Modellbauer tummeln sich in den Räumlichkeiten im Frankfurter Westen – insgesamt rund 60 feste Mitarbeiter. Sie arbeiten unter einem Dach und bilden individuelle Teams für die jeweiligen Projekte, um die vielfältigen und äußerst komplexen Aufgaben inhouse bewältigen zu können. Je nachdem, ob es sich um Messen, Museums-Ausstellungen oder Eventarchitektur handelt, ändert sich die Zusammensetzung der Teams. Das hat den Vorteil, dass die Arbeitsgruppen schon Erfahrung mit der Zusammenarbeit haben. Aber dieses Prinzip hat auch seine Tücken, wie der Geschäftsführer Lars Uwe Bleher betont: „Es ist uns wichtig, neue Impulse, Innovationen und Trends nicht nur aufzunehmen, sondern diese voranzutreiben. Wir legen Wert darauf, dass sich unsere Mitarbeiter mit den Entwicklungen und Zusammenhängen von Gesellschaft, Kultur, Politik und Wissenschaft auseinandersetzen, sich inspirieren lassen und weiterbilden“.

So werden Impulse von außen aufgegriffen und neue Innovationen und Trends integrier, indem auch Externe aus dem großen Netzwerk der freien Mitarbeiter einbezogen werden.
Seit der Gründung des Teams Mitte der 1980er Jahre ist Mercedes-Benz einer der einer der langjährigen Auftraggeber von Atelier Markgraph. Entsprechend umfangreich ist die Liste der für den Konzern durchgeführten internationalen Ausstellungen in Frankfurt, Dubai, Paris, Genf, Detroit oder Shanghai. Beim Pariser Autosalon 1996 bestand der Ausstellungsraum selbst aus sich fast unmerklich bewegenden Wänden; das Raumgefüge änderte sich ständig. Im Laufe der Jahre haben sich die von Atelier Markgraph gestalteten Ausstellungen gewandelt: von Präsentationen mit medialen Komponenten hin zu komplexen multimedialen Inszenierungen, die ein hohes Maß an Integration von Medien, Interaktivität, Licht, Sound verlangen. Atmosphären sind fein zu justierende kommunikative Instrumente geworden. Das liegt auch am Publikum. Die Besucher sind durch Filme, Musikvideos, Shops, Hotels, Themenparks oder simulierten Welten im Computer darauf trainiert, räumlich atmosphärische Botschaften schnell wahrzunehmen. Ihre Erwartungen sind hoch, ob auf einem Messebesuch oder einer Roadshow. Damit steigen die Anforderungen und notwendigen Kompetenzen der Gestalter.“
Der Raum wird dabei als bloße Hülle aufgebrochen und die verwendeten Oberflächen fungieren als Informationsträger, die oft genug sogar Funktion und Form ändern. „Die rasante Entwicklung von Neuen Medien und Hardware wie z. B. der LED-Technik hat uns hierfür den Weg bereitet. Im Gegenzug konnten wir durch Anwendungen im räumlichen Kontext auch dazu beitragen, dass sich diese Techniken weiterentwickeln“, sagt Lars Uwe Bleher. Die LEDs lassen sich individuell ansteuern, wirken raumbildend, erzeugen Dynamik und dienen gleichzeitig für Filmprojektionen. Bei den Projekten auf der IAA in der historischen Festhalle wird der mehrgeschossige Raum durch die LEDs in allen Ebenen einbezogen und sämtliche Galerien bis unter die Kuppel in einer komplexen Show mit atemberaubenden Effekten inszeniert.

 

Inszenierung ist ein entscheidendes Stichwort bei Atelier Markgraph, denn die Ausstellungen sind mehr als nur feste Tableaus, die sich als Oberflächen für Produkte oder Ideen begreifen. Von Anfang an pflegt die Agentur enge Beziehungen zu Theater und Museen der Stadt Frankfurt, für die Atelier Markgraph vielfältige Gestaltungsaufgaben übernimmt. Für das Schauspiel Frankfurt werden kommunikative Inszenierungen im Außenraum der Stadt entwickelt, die auf ungewöhnliche Weise den Stadtraum interaktiv bespielen und so die Grenze zwischen Bühne, Zuschauerraum und öffentlichem Raum auflösen. Im Jahr 2000 hat Markgraph für das Ballett Frankfurt die Stadt-Installation „City of Abstracts“ verwirklicht. Für das Ballett unter Leitung des damaligen Chefs William Forsythe wurde im Stadtraum an drei interaktiven Videoprojektionen mitten in der Stadt die Bewegungen von Passanten mit Kameras aufgezeichnet und auf Videowände projiziert. Doch die Wiedergabe wurde durch eine entsprechende Software verzerrt wiedergegeben, so dass die Körper sich im Raum auflösten oder spiralartig verdreht wurden – so wurde eine eigene Ballettchoreographie der Passanten durch den Zufallsgenerator inszeniert. 2009 folgte mit „You say you want a Revolution“ eine augenzwinkernde Marketing-Aktion für das Schauspiel Frankfurt, bei der Wahlplakate am Tag nach der Bundestagswahl mit Porträts von Ensemblemitgliedern und Theaterzitaten überklebt wurden, ergänzt von überlebensgroßen Bildern an der Theaterfassade. Gleichzeitig wurde die U-Bahnstation am Schauspiel durch typografische Zitate und Schauspielerporträts umgestaltet. Auf diese Weise wurde der Stadtraum Frankfurts mit innovativem Guerilla-Marketing erobert.
Ergänzend gestaltet die Agentur für die herausragende Museumslandschaft Frankfurts regelmäßig Ausstellungen, so 2006 „Die Kaisermacher“ an vier Ausstellungsorten sowie den Stadtraum selbst. Das historische Museum, das Institut für Stadtgeschichte, das Museum Judengasse sowie das Dommuseum waren Teil der Gesamtausstellung. 2010 wurde dann „Was die Welt bewegt“ zum 150. Todestag Arthur Schopenhauers im Institut für Stadtgeschichte gestaltet. Das Ausstellungsgerüst der Präsentationsflächen und Räume wurde aus einem hölzernen Netzwerk gebildet, das mit den Ausstellungsinhalten gefüllt wurde. „Projekte wie die Schopenhauer-Ausstellung oder die Inszenierungen für das Schauspiel Frankfurt sind wichtige Gegenpole zu unseren markenbezogenen Arbeiten“, sagt Lars Uwe Bleher. Die Konzepte für Messeauftritte profitieren davon, da wichtige Impulse quasi als Nebenprodukt für Dramaturgie und Regie abfallen: „Umgekehrt sind gerade markenbezogene Arbeiten für uns Gestalter und Architekten ein riesiges Spielfeld der Möglichkeiten, fantastische Labore für Experimente mit Raum, Zeit, Wahrnehmung, Atmosphären und Botschaften“, sagt Meinhard Hutschenreuther, „viele Neuerungen, die in temporärer Marken-Architektur getestet wurden, wie z.B. Containerbauten, modulare Konstruktionen oder Medienfassaden haben inzwischen ihren Weg in Kunst, Kultur und die permanente Architektur gefunden.“
2012 wurde in der Frankfurter Innenstadt das von Markgraph gestaltete Restaurant „Margarete“ im Haus des Börsenvereins des deutschen Buchhandels eröffnet – die vielfältige Inszenierung unterschiedlicher Restaurantbereiche in diesem neuen Gastraum ist ein typisches Beispiel für den vielgestaltigen Ansatz bei Atelier Markgraph. Genau wie die Roadshow „Klang der Quadrate“ zum 400-Jahre-Jubiläum von Mannheim im Jahr 2007, das die intelligente, spielerische und animierende Art der Markgraph-Projekte zeigt. Die thematische Abstraktion und Dekonstruktion der „Quadratestadt“ Mannheim, hat hier dem Besucher ungewohnte Perspektiven auf die Stadt eröffnet. Die Nutzer konnten in dem roten Kubus ihren eigenen Sound der Stadt Mannheim mixen und mit nach Hause nehmen – als Hommage an die lebendige Popmusikszene der badischen Metropole. Dass bei derartigen Inszenierungen des Stadtraums auch einmal der Rahmen des Gewohnten gesprengt werden kann, bewies 2006 die Installation „Skyarena“ zur Eröffnung der Fussball-WM in Frankfurt am Main. Die Skyline selbst wurde durch extrem leistungsstarke Projektoren zu einer gigantischen Projektionsfläche für eine 45-minütigen Inszenierung. Rund eine Million Zuschauer beobachteten das Spektakel live in der Stadt. Ein kleines Wunder, denn die titanische Herausforderung, den Puls einer Großstadt durch Licht zu beeinflussen und umzupolen gelang tatsächlich. Inszenierungen wie diese mögen vergängliche Moment sein, am Ende entstehen jedoch dauerhafte Bilder mit großer Strahlkraft. Gerade diese Vielfalt der Eindrücke ist es, was die pluralistische Perspektive der Arbeiten von Atelier Markgraph so nachhaltig prägt.

Atelier Markgraph
Ludwig-Landmann-Straße 349
60487 Frankfurt am Main
Telefon 069/97993-0
markgraph.de

Fabian Lange, Architekt, Journalist und Autor, schreibt zusammen mit seinem Bruder für die „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“ sowie „Die Zeit“.