PEOPLE & PERSPECTIVES | 20 / 2016

Buchstäblich wegweisend

Der Schriftgestalter, Designer und Unternehmer Erik Spiekermann.

PEOPLE & PERSPECTIVES | 20 / 2016

Buchstäblich wegweisend

Der Schriftgestalter, Designer und Unternehmer Erik Spiekermann.

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Es gibt Dinge, die uns tagtäglich und überall begegnen, mit denen wir sogar selbst permanent sorglos hantieren, ohne uns jemals die geringsten Gedanken darüber zu machen. Typografie ist so ein Ding.

Spätestens seitdem der Computer aus dem Arbeits- und Privatleben nicht mehr wegzudenken ist, sind wir alle „Schriftsetzer“. Auch wenn die meisten eigentlich keinerlei Kenntnisse darüber haben – und diese scheinbar auch nicht missen. Menschen wie Erik Spiekermann, der nach eigenen Angaben ein beinahe „libidinöses Verhältnis“ zu Schrift hat, muss angesichts der allgemeinen Ignoranz gegenüber diesem Kulturgut und Phänomenen wie der rätselhaften ästhetischen Pandemie namens „Arial“ die nackte Pein plagen. Aber vielleicht ist genau das eine Triebfeder seines unermüdlichen Kampfes für gute Typografie und ästhetisch wertvolle Gestaltung, den er seit über vier Jahrzehnten an vorderster Front ausficht.

Spiekermann vereint in sich den Typus des Intellektuellen mit dem des Handwerkers, den Denker mit dem Macher.

Eine ausführliche Dokumentation dieses Bemühens hat Johannes Erler im Buch „Hallo, ich bin Erik“ zusammengetragen. Eine visuelle Biografie, die sich gleichzeitig als erste große Werkschau des Schaffens von Erik Spiekermann präsentiert. Darin werden nicht nur seine bisherigen Projekte dokumentiert, sondern auch die Stationen seines Lebens nachgezeichnet und seine Haltung als Gestalter textlich verortet. Diese Publikation war längst überfällig, denn Prof. Dr. h.c. Erik Spiekermanns Bedeutung als Typograf ist immens. Schriften wie die FF Meta oder die ITC Officina gelten unter Experten schon heute als moderne Klassiker. Er hat die Erscheinungsbilder großer deutscher Marken geprägt – und damit wichtige Teile unserer Konsum- und Alltagskultur. 2011 wurde er für seine Verdienste mit dem Designpreis der Bundesrepublik Deutschland geehrt. Millionen Menschen begegnen seinem Werk jeden Tag. Eine verschwindend geringe Zahl von ihnen ist sich dessen jedoch bewusst.

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Erik Spiekermann im Jahr 1990 mit einer frühen Version von ITC Officina. Foto: Hans Werner Holzwarth, Abbildung aus „Hallo, ich bin Erik“, © Gestalten 2014“

Schon als Kind ist Spiekermann (*1947) von einer Druckerei in der Nachbarschaft fasziniert und fühlt sich von der „Schwarzen Kunst“ magisch angezogen. Mit zwölf bekommt er eine alte Druckmaschine geschenkt, und noch als Schüler verdingt er sich in seiner Freizeit als Hilfsarbeiter in verschiedenen Druckereien. Nach dem Abitur beginnt er ein Studium der Kunstgeschichte in Berlin, das er sich durch seine eigene Kellerdruckerei und als Musiker in Bars finanziert. Er entwirft und druckt in dieser Zeit alles nur Denkbare: Poster, Plattencover, Verpackungen, Geschäftsausstattungen für Unternehmen … Schließlich wird er Vater, und für das Studium bleibt keine Zeit mehr. Die junge Familie zieht 1973 nach London, wo er eine Dozenten-Stelle am London College of Printing vermittelt bekommt. Wohlgemerkt als Autodidakt. Über die Jahre macht er sich mehr und mehr einen Namen. Doch dann fällt sein komplettes Druck-Equipment, das er über Jahre aufgebaut hatte, einem Brand zum Opfer. Ein Schicksalsschlag – der Selbstständigkeit ist damit vorläufig ein Ende gesetzt.

Es folgen Jahre als Typograf und Berater in Sachen Schrift und Druck, unter anderem bei der berühmten Agentur Wolff Olins, wo er auch deutsche Kunden wie VW betreut. 1979 gründet Spiekermann schließlich mit Kollegen die Agentur MetaDesign. Sie gilt schnell als eine der innovativsten und wichtigsten Designagenturen und als erste Adresse in Sachen Corporate Design mit Büros in Berlin, London und San Francisco. Im Jahr 1989 ruft er gemeinsam mit seiner Frau nebenbei das erste „Versandhaus für digitale Schriften“ ins Leben, den „Fontshop“. Mit MetaDesign stemmt Spiekermann in diesen Jahren Projekte, die heute als absolute Meilensteine in der Geschichte des Corporate Designs und der Typografie gelten. Oft stößt er auf blankes Unverständnis, wenn er seinen Auftraggebern die Bedeutung und die Notwendigkeit einer eigenen Hausschrift predigt, ohne die eine klare visuelle Differenzierung, ein wirklich individueller Charakter einer Marke kaum zu verwirklichen ist. Unternehmen greifen jedoch gerne und kostengünstig auf Schriftklassiker wie die Helvetica zurück – und gleichen sich so ungewollt einander an. Die Crux der Typografie ist, dass ihr Wesentliches im Detail liegt und vielen Menschen zunächst der Blick dafür fehlt. Das macht es natürlich schwierig, Auftraggeber vom Nutzen einer Investition zu überzeugen. Doch wann immer Spiekermann das gelingt, setzt er Zeichen.

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Ein weithin bekannter Leuchtturm seines Schaffens ist sicherlich das Redesign der Marke Audi, deren verstaubtes Image das Unternehmen tief in die roten Zahlen getrieben hatte. Mit dem neuen Erscheinungsbild wird der „Vorsprung durch Technik“ in der Marke wieder spürbar, und dem Unternehmen gelingt die Kehrtwende. Auch die Entwicklung eines einheitlichen Corporate Designs inklusive der Überarbeitung des Fahrgastinformationssystems für die Berliner Verkehrsbetriebe in den 90er-Jahren erregt nicht nur in der Fachwelt Aufsehen. Eine extrem komplexe Aufgabe, die sich über Jahre hinzieht.

Während hier vor allem ein langer Atem gefragt ist, geht es beim Projekt „Flughafen Düsseldorf“ um das genaue Gegenteil: Nach einem Großbrand soll innerhalb von nur sechs Wochen das Corporate Design und vor allem das Leitsystem von Grund auf neu konzipiert werden, weil die Urlaubssaison vor der Tür steht. Eine Herkulesaufgabe, deren Lösung noch heute als buchstäblich wegweisend gilt. Neben all diesen Projekten engagiert sich Spiekermann permanent in verschiedenen Fachverbänden, um dem Thema Typografie einen höheren Stellenwert zu verschaffen, und ruft die „Typo Berlin“ mit ins Leben – die größte Designkonferenz in Europa, die sich später auch mit erfolgreichen Ablegern in London und San Francisco etabliert. Um die Jahrtausendwende kommt es wegen inhaltlicher Differenzen zum Zerwürfnis zwischen ihm und seinen Partnern bei MetaDesign. Die Kollegen wollen – ganz im Zeitgeist der New Economy – die Designagentur in ein Beratungsunternehmen umwandeln. Dem Vollblut-Gestalter Spiekermann ist das zuwider. Eine der letzten Arbeiten, die er für MetaDesign verantwortet, ist das Redesign des britischen Magazins „The Economist“, die dem Wirtschaftsblatt einen phänomenalen Leserzuwachs beschert. MetaDesign ist bis heute als Agentur sehr erfolgreich – in kreativer Hinsicht vermisst man aber den Glanz der Spiekermann-Ära.

Mit seiner neu gegründeten Agentur „United Designers Network“ (später SpiekermannPartners) verleiht er 2002 der Traditionsmarke Bosch ein neues Gesicht. Auch das frische und äußerst markante Corporate Design der Deutschen Bahn entsteht in dieser Zeit. Die besondere Herausforderung bei der Entwicklung von Schriften für solche Unternehmen ist die enorme Anwendungsbandbreite. Sie müssen auf großflächigen Plakatwänden genauso bestehen wie in extrem komprimierter Form – beispielsweise auf Fahrplänen. Und schließlich unterzieht Erik Spiekermann von 2007 bis 2008 auch das Corporate Design der Messe Frankfurt einem wirkungsvollen Facelift. Als Hausschrift nutzt die Messe seit vielen Jahren die berühmte „Univers“ von Adrian Frutiger. Eine Schrift, die häufig zum Einsatz kommt und in zahlreichen Varianten existiert, was sie austauschbar und ihren weltweiten Einsatz unkontrollierbar macht. Spiekermann modifiziert sie, indem er zum Beispiel die Buchstabenausläufe von s, c oder a mit einer leichten Schräge versieht. Dadurch wirkt die Schrift offener und erhält einen eigenständigen Charakter. Die Hausschrift „Messe Univers“ ist geboren. Eine weitere schriftgestalterische Entscheidung ist es, die Wortmarke und sämtliche Untermarken künftig kleinzuschreiben, anstatt in Großbuchstaben. Großbuchstaben wirken herrschaftlich – das Selbstverständnis der Messe Frankfurt ist es aber, ihren Ausstellern und Besuchern zu „dienen“. Und diese Haltung kommt nun auch in den Details zum Ausdruck, die die Gesamtheit des Erscheinungsbildes prägen.

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Foto: Robbie Lawrence

Neben all dem findet Spiekermann seit jeher genügend Zeit, sich in verschiedenster Form zu Wort zu melden. Angefangen von seinen Büchern, die zur Pflichtlektüre für Grafikdesigner gehören, über regelmäßige Beiträge in Blogs, Onlineforen und Fachmagazinen bis hin zu seinen herausragenden Vorträgen. Wenn man seinen hyperaktiven Output verfolgt, stellt sich einem unweigerlich die Frage, wie viele man eigentlich sein müsste, um all das zu bewältigen. Wie viele es sind, die er im Lauf der Jahrzehnte durch sein Schaffen beeinflusst und geprägt hat, lässt sich nicht ermitteln. Allein die Liste seiner Wegbegleiter liest sich wie das Who’s who des zeitgenössischen Grafikdesigns. Summa summarum ist Erik Spiekermann sicherlich einer der einflussreichsten Gestalter unserer Zeit. Auch wenn die meisten von uns die „Arial“ nicht von der „Helvetica“ unterscheiden können.

Allen, die mehr über diese feinen Unterschiede erfahren wollen, empfehlen wir „Hallo, ich bin Erik“. Das Buch ist in enger Zusammenarbeit mit Erik Spiekermann verfasst und gestaltet worden und erschien in deutscher und englischer Sprache.

 

Autor: Michael Neser
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„Hallo, ich bin Erik“ Herausgeber: Johannes Erler Format: 22 × 28 cm Features: Vollfarbig, Hardcover, 320 Seiten Sprache: Deutsch ISBN: 978-3-89955-527-1 Preis: 45,00 €