PEOPLE & PERSPECTIVES | 16 / 2013

Christopher Dell - Interview

Outlook sprach mit Christopher Dell darüber, wie das Prinzip der Improvisation für die Architektur fruchtbar gemacht werden kann.

Herr Dell, „improvisieren“ klingt ja irgendwie nach Notlösung. Was bedeutet eigentlich der Begriff „Improvisation“ in der Musik? Wie könnte man einem musikalischen Laien verdeutlichen, was da passiert?

Prinzipiell gibt es erstmal keinen Unterschied zwischen improvisierter und nicht improvisierter Musik. Ein Laie kann dazwischen nicht unterscheiden. Man kann also nicht sagen, die eine Musik sei besser, schlechter, lebendiger oder irgendwie anders. Diese Ununterscheidbarkeit ist erstmal ein Kernmerkmal. Wenn man von der Performanz ausgeht, also davon, wie die Musik als Faktum in der Welt erscheint, nämlich durch Handlung, weiß man gar nicht, wie die Handlung beschaffen ist. Wenn der Laie jetzt darüber nachdenken würde, wie das denn produziert wurde, kommt überhaupt erst der Tatbestand ins Bewusstsein. Das heißt, erst wenn die Produktionsweise, die Produktionsverhältnisse in den Blick geraten, wird der Improvisationsbegriff interessant. Als Musik menschheitsgeschichtlich begonnen hat, war ja sowieso alles improvisiert. Da hätte niemand über den Begriff der Improvisation überhaupt nachgedacht. Man hat einfach Musik gemacht und dabei versucht, bestimmte strukturelle Dinge zusammenzubringen. Erst mit der Erfindung der Notenschrift und ihrer Entwicklung, kommt es zu einer Art Verdinglichung der Musik, um das mal stark vereinfacht zu sagen. Diese Verdinglichung ist aber Gegenstand zahlreicher Auseinandersetzungen. Es wird ja heute – wenn man ins Opernhaus geht – oftmals vergessen, dass auch die Notenschrift, die einem dort als Naturalisiertes entgegentritt, überhaupt nicht in dieser Form naturalisiert ist. Es gibt fünfzig verschiedene Fassungen von Beethoven, von Bach. Das kann man nicht glauben, aber es ist so. Aber die notierte Musik, die da zu uns kommt, ist dann wie eine Natur und sie bietet gleichzeitig auch eine Vergewisserung und eine Beruhigung wie eine Natur.

Die Stichworte Vergewisserung und Beruhigung finde ich interessant. Ist das Improvisieren einem Bedürfnis nach Vergewisserung, nach Gewissheit oder Sicherheit gewichen? Die Improvisation spielt in der klassischen Musik heute ja fast keine Rolle mehr, während zum Beispiel Beethoven in seinen Konzerten durchaus noch zu improvisieren pflegte.

In der klassischen Musik kann das heute auch keiner mehr. Beethoven praktizierte das noch. Es gibt aber auch Feuilletons aus der Zeit über seine Konzerte, in denen geschrieben wurde: „Solange er seine Noten spielte, war alles toll, aber wenn er fantasiert hat – So nannte man das damals! – dann ist das Kraut und Rüben gewesen.“

Kommen wir vielleicht noch mal auf das Verfahren der Improvisation zurück. Improvisieren ist ja nichts anderes als ein sehr schnelles Komponieren. Man komponiert gewissermaßen während man spielt.

Genau so kann man das sagen. Und da gibt es dann eben bestimmte Techniken der Komposition, die man so auseinanderlegen muss, dass man sie auch in Echtzeit parat hat. Das muss geübt werden, so wie eben auch klassische Musik geübt werden muss. Komponieren heißt ja „zusammenfügen“. Man muss in der Improvisation die Materialien einer musikalischen Situation so zerlegen können, dass man in die Lage kommt, sie neu zu versammeln. Und damit ist man dann auch schon vom Terror der Kreativität befreit. Dann geht es eigentlich nur noch um Redesign. Das ist also das Verfahren, die Komposition in Real-Time, die immer auch dazu führt, dass Situationen hinterfragt werden. Alles Gegebene wird hinterfragt – das ist das Wesen der Improvisation. Und das ist auch das Politische daran. Es gibt keine Alternativlosigkeit, es gibt keine undiskutierbaren Tatsachen, es gibt keine als naturalisiert hingestellten Ordnungssysteme.

Versuchen wir doch mal von hier den Bogen zur Architektur zu schlagen. Wie sind Sie überhaupt von der Musik zur Architektur gekommen?

Zunächst bin ich nach meiner Zeit in den USA zurückgekommen an die Akademie für Tonkunst in Darmstadt und habe dort das Studio für Improvisation gegründet. Ich kam da unter anderem in Kontakt mit den Architekten der TU Darmstadt. Die waren an meiner Musik eigentlich weniger interessiert, aber eben an der Art und Weise wie ich über verschiedene Prozesse nachdachte. Später haben mich dann die Architekten Brandlhuber und Kniess in Köln, die damals ziemlich hip waren und auch aus der Darmstädter Schule kamen, gefragt, ob ich nicht Lust hätte, für sie mal meine Gedanken zu Papier zu bringen. So hat sich das immer mehr entwickelt. Irgendwann kam dann mein Buch „Prinzip Improvisation“, das 2002 bei der Documenta in Kassel vorgestellt wurde. Darauf folgten schließlich die Einladungen von den Unis und so ging das immer weiter.

Improvisierte Musik ist ja etwas Dynamisches und Prozesshaftes – Architektur und Städtebau auf den ersten Blick hingegen statisch. Wie kann man hier Prinzipien des einen überhaupt auf das andere übertragen?

Wichtig ist, schon im Vorfeld zu sagen: Improvisation und Architektur haben nichts miteinander zu tun. Damit wäre das Thema eigentlich auch schon abgeschlossen. Aber es findet eine Verschiebung statt. Das habe ich auch in meinem Buch versucht zu beschreiben. Die herkömmliche Einordnung von gebauter Umwelt oder von Raum als Objekt, als Behälter, als euklidisch-neutral behandelbarer Raum, in den man was reinplant, beginnt brüchig zu werden. Das funktioniert nicht mehr. Damit sind auch die Position und das Selbstverständnis der planenden Zunft unterminiert, dass man die Welt von einer neutralen Position der Vernunft aus besser machen kann. Das ist vorbei. Das heißt ja nicht, dass Architekten nicht immer schon über Prozesse nachgedacht hätten, dass Architektur nicht immer schon im Prozess entstanden ist. Da wird oft gesagt: Wir improvisieren ja sowieso immer schon. Stimmt ja auch irgendwie. Es gibt aber eben gewisse Grundannahmen, die man selbst mitbringt, um überhaupt improvisieren zu können – und zwar improvisieren auf dem technologischen Level. Wir gehen hier nicht von dem basalen Improvisationslevel aus, wo man immer nur hinterherrepariert. Das machen ja jetzt viele (lacht). So viel Gedaddel wie heute war noch nie. Aber auf dem nächsten Level, dem technologischen, hat man einen bestimmten Blick auf die Welt. Den muss man sich erstmal erarbeiten. Und das findet in der Architektur kaum statt, weil man dort meistens noch diesen Objektbegriff von Raum und Architektur hat.

Was würde sich denn durch diesen „technologischen Improvisationslevel“ in der Architektur verändern?

Gehen wir mal davon aus, dass die ersten Bauten auch improvisatorisch waren. Dann hat man die Planung entdeckt, konnte hier noch einen Winkel dran machen und da noch was, zack-zack, so hat sich das immer weiter entwickelt. Bis man dann entdeckte, dass es auch Prozesse gibt – ich würde mal sagen, so Mitte des 20. Jahrhunderts, in der Kybernetik, in der Systemtheorie, wo man bemerkt hat, dass das mit der Planung noch immer nicht so ganz hinreichend ist, und sich sagte: Wir können auch Prozesse planen. Aber auch da folgte die Erkenntnis, dass so viel Kontingenz in der ganzen Geschichte ist, dass man auch damit nicht hinkommt. Um es kurz zu machen: Diese ganzen Planungen und Prozessplanungen sind alles noch Externalisierungsstrategien. Es wird immer gesagt: Da draußen ist was nicht in Ordnung, da draußen ist was nicht gesund, die Stadt oder irgendwas. Holt mich hierher, ich bin der Designer, ich mach’s euch klar. So ist ja auch das Selbstverständnis, seit es Städtebau gibt. Da haben wir es ja immer mit dem „Problemlöser“ zu tun. Heute wissen wir: Jedes gelöste Problem bringt mindestens 20 neue.

Wenn wir mit dem herkömmlichen Planen und Problemlösen tatsächlich nicht mehr weiterkommen, wie kann es im Städtebau überhaupt weitergehen?

In dieser ganzen Gemengelage, in dieser Erkenntnis, dass Stadt und Raum brüchig werden, kommt man auf die Frage: Wie lässt sich das neu deuten? Wie kann man sich neu dazu verhalten? Und dann kommt die Improvisation ins Spiel, wenn man mit Henry Lefebvre anerkennt, dass Raum aus Handlung entsteht, dass er gemacht wird und nicht einfach da ist. Raum ist zwar ein Begriff der Natur, aber er kann nicht naturalisiert werden. Wenn man dann aber von der Naturalisierung lässt, hat man sich dem auch zu stellen. Und das geht eigentlich nur über eine improvisatorische Haltung. Man muss sich also bestimmte Tools schaffen, Stadt neu zu lesen – nämlich als konstruktive Improvisation – und die Lösungen aus dem Alltag, aus den Bewegungen des Alltags heraus entwickeln. Man muss sich den Situationen des Alltags anheimgeben – jedoch ohne die Sozialromantik der 60er Jahre. Das ist ja alles Bullshit. Wobei die Idee die richtige gewesen ist, die Idee der Situationisten. Die erkenntnistheoretische Fragestellung, die sie behandelt haben – wie bekommen wir nämlich Erkenntnis aus dem Rumhängen? – die ist heute so virulent wie nie zuvor.

Das Entwickeln aus den Situationen des Alltags, aus der Nutzung, erinnert mich vor allem an den amerikanischen Architekturtheoretiker Christopher Alexander. Sehen Sie selbst da Parallelen?

Die sehe ich auf jeden Fall. Und ich würde sagen, dass gerade sein „Notes on the Synthesis of Form“ eine grundlegende Arbeit des 20. Jahrhunderts ist, die aber so zugeschüttet wurde – da hätte man sich viel sparen können. Er selbst hat sie ja dann mit zugeschüttet. Aber für mich ist diese Arbeit grundlegend, weil sie strukturell offenlegt, um was es geht. Es gab ja zwei wichtige Arbeiten der 60er Jahre – die andere ist die zur Form, von Peter Eisenman. Alexander hatte aber versucht, von dieser ganzen Formdebatte wegzukommen, hin zum strukturellen Zusammensetzen. Da sind ja diese Diagramme im Buch. Das ist alles ganz wunderbar: die verschiedenen Kategorien und Ebenen und wie man überhaupt zu den Diagrammen kommt, und was Diagramme bedeuten – im Sinne von Zerlegen von Strukturen – und dass die Stadt kein „Tree“ ist. Das ist alles super gemacht. Aber dann kamen die Leute und haben gesagt: Mensch, Christoper, das ist alles viel zu abstrakt – werd doch mal konkret. Und wenn ich das schon höre! Dann weiß ich, da wollen Leute halt nicht nachdenken. Da sag ich gleich tschüss! So etwas interessiert mich überhaupt nicht. Der gute Chris war aber noch so nett und hat gesagt: Dann machen wir das. Und dann hat er dieses, ich glaube, meistverkaufte Buch überhaupt mit der „Pattern Language“ gemacht.

Es gibt ja kaum eine Theorie in der Architektur, die so breit rezipiert wurde und dennoch so wenige Auswirkungen in der Architektur selbst hatte.

Da steht ja eigentlich auch schon drin, dass man sich die Mühe machen muss, diese Patterns zu verschalten; dass man versuchen muss, hinter ihr Prinzip zu kommen – wie das der Improvisator sofort tun würde. Aber die meisten Leute haben das angeschaut wie eine Bachpartitur. Deswegen wurde auch nie was damit gemacht. Geht ja auch gar nicht. Da wurden dann schöne Worte gemacht, von den Mosaiken der Subkultur oder irgend so ein Blabla. Das waren nur noch schön gebackene Förmchen, mit denen man nichts mehr anfangen konnte. Aber ich würde auf jeden Fall sagen, dass die Improvisation, so wie ich sie meine, als Technologie, als Diagrammatik, sehr viel zu tun hat mit dem frühen Christopher Alexander und der Fragestellung der Nutzung, des Gebrauchs, wie Sie schon sagten. Womit eben genau die Funktion nicht obsolet ist, sondern nur herumgedreht werden muss.

Was bedeutet das, die „Funktion herumzudrehen“?

Es gibt ja oft diese Debatte „formell gegen informell“, die ich total gefährlich finde. Denn es geht gar nicht um „informell“, sondern um die Maximum-Funktion, aber eben nicht aus der Perspektive des Funktionalismus. Der hat nur herausgearbeitet, wie man das analysieren kann. Aber jetzt geht es darum, auf die Nutzungsstrukturen einzugehen, die zu erarbeiten und dann in der Architektur Konstellationen zu schaffen, die ermöglichen. Mit Minimum-Aufwand und Maximum-Ermöglichung. Man muss also mehr in die Situation rein und aus ihr heraus entwickeln und bestimmte Entscheidungen treffen. Was nicht heißt, dass man dafür kein guter Architekt sein muss. Sonst hat man keine Ahnung vom Fach – und das ist natürlich die Grundlage.

Vielen Dank für das Gespräch!