PEOPLE & PERSPECTIVES | 18 / 2014

Das Ungers Archiv für Architekturwissenschaft (UAA) – Interview

Outlook sprach mit Sophia Ungers darüber, wie das UAA dazu beitragen kann, Architektur als Kulturgut mehr ins Bewusstsein zu rücken.

Frau Ungers, Sie haben einige Jugendjahre in dem Haus in der Belvederestraße verbracht. Hier gingen Mitarbeiter ein- und aus, hier wurde gearbeitet und gleichzeitig fand auch ein normales Familienleben statt. Ist das nicht ein sonderbares Gefühl, das einst betriebsame Haus nun als ein Archiv zu betreiben?

Sophia Ungers. Ich arbeite in dem Haus ja nicht erst seit dem Tod meiner Eltern, sondern war schon lange zuvor für das Büro tätig. Ich war also aktiv an dem allmählichen Umgestaltungsprozess beteiligt und habe miterlebt, wie sich die Räume veränderten. Meine Eltern Mathias und Liselotte haben bereits 1995 gleich um die Ecke ein Haus gebaut, in dem sie wohnten. Aus unseren ehemaligen Familienzimmern wurden somit schon sehr früh Bibliotheks- und Büroräume. Emotional schwieriger für mich waren die Veränderungen mit dem Wohnhaus meiner Eltern am Kämpchensweg. Wir haben es an Dr. Reiner Speck verkauft, der dort seine Bibliothek zu Proust und Petrarca untergebracht hat. Das Gebäude ist nun ein reiner Bibliotheksbau, in dem auch Veranstaltungen stattfinden. An diese Umnutzung habe ich mich tatsächlich erst gewöhnen müssen, bin aber froh über diese Lösung, zumal wir dort auch mit dem UAA bereits zu Gast waren, wenn unsere Räumlichkeiten in der Belvederestraße für unsere Veranstaltung nicht genug Platz boten.

Das Haus hat schon immer Architekten oder einfach nur architekturinteressierte Menschen angezogen und steht bereits seit vielen Jahren unter Denkmalschutz. Das 1959 erbaute Wohn- und Arbeitshaus seit 1990 und der 30 Jahre später in den Garten eingebaute Bibliothekskubus seit 2012. Wie haben Sie die Geschichte dieses Hauses erlebt?

In der Werkstatt hängen Grundrisse des Hauses von allen Stockwerken, da kann man sehr schön erkennen, wie OMU, so wurde mein Vater gerne genannt, das Haus immer wieder umgebaut und den Veränderungen und neuen Anforderungen angepasst hat. Es gibt auch vereinzelt Spuren, die erkennen lassen, wo eine Wand herausgenommen wurde und ein neuer Durchbruch entstand. Tatsächlich ist es aber durch die Umbauten im Inneren immer verworrener geworden. Es ist fast unmöglich, sich den Grundriss vorzustellen. Ich erlebe auch immer wieder, dass Besucher hilflos fragen, wo denn der Ausgang sei und welche Treppe nun wohin führe. Das macht natürlich einerseits den Charme des Hauses aus, es wäre aber auch schön, wenn es in dem Originalzustand von 1959 geblieben wäre. Andererseits ist es so natürlich auch ein Zeugnis dafür, dass das Leben und Arbeiten in diesem Haus nie einem Stillstand unterworfen war.

Von Stillstand kann ja vor allem nicht bei der Bibliothek gesprochen werden. Wie kam es zu dieser einzigartigen privaten Sammlung von Büchern zum Thema Architektur, die 500 Jahre Architekturgeschichte umfasst?

Den Anfang machten Bücher zum Expressionismus, weil man Vater verstehen wollte, warum man seine Bauwerke als expressionistisch bezeichnete. Und dann war sein Wissensdurst zu Architekturtheorie und -geschichte geweckt. Er wollte sich als Architekt weiterentwickeln und sich mit grundlegenden Büchern zum Denken anregen lassen. In den achtziger Jahren dann, als er schon immens viele Bücher zusammengetragen hatte, strebte er ganz bewusst auch die Vollständigkeit an. So kam mit der Erstausgabe von Vitruvs „De Architectura Libri Decem“ von 1496 eine seltene Schrift zur Architektur in seinen Besitz, die er mit weiteren wertvollen Erstausgaben von Meistern der Architektur über die verschiedenen Epochen ergänzte. Irgendwann war die Sammlung so umfangreich, dass sich OMU entschloss, im Garten einen eigenen Bau zu errichten und die Bibliothek in eine Stiftung zu geben. In dem Bibliothekskubus arbeiteten meine Eltern auch fortan.

Was sind die Schwerpunkte dieser Bibliothek?

Es gibt zum einen die umfangreiche Sammlung von Büchern über die Perspektive und deren Entstehung und Weiterentwicklung. Vorhanden sind ebenso die wichtigsten Architekturtraktate von Vitruv bis Bramante und Palladio. Zum anderen haben wir eine komplette Sammlung der Publikationen zu Le Corbusier und viele Veröffentlichungen der russischen Avantgarde wie „Von zwei Quadraten“ des Architekten El Lissitzky.

Gab es eine professionelle Beratung beim Aufbau der Bibliothek? Eine auf Vollständigkeit zielende Sammlung kann man ja durchaus auch professionell betreiben.

Eine professionelle Unterstützung gab es in dem Sinn nicht. Es wurde tatsächlich 1990 eine Bibliothekarin angestellt, die die Bestände aufnahm und so manche Doubletten herausfischte. Natürlich hatte OMU hin und wieder übersehen, dass er das eine oder andere Buch bereits schon erworben hatte. Er war aber im Kreis von Antiquaren und Auktionshändlern bekannt, die wussten, wo sie stets einen dankbaren Abnehmer ihrer Bücher finden konnten. Für meinen Vater war es immer eine besondere Entspannung, am Nachmittag die Kataloge zu durchstöbern.

So eine Bibliothek lebt natürlich nur dann, wenn sie auch genutzt wird. Gibt es für die Öffentlichkeit eine Möglichkeit, mit den Büchern zu arbeiten?

Die Bibliothek ist durchaus als eine Präsenz-Bibliothek gedacht, aber nicht in dem Sinn eines üblichen Bibliothekbetriebs. Wir müssen zuvor die Bestände digital erfassen, sodass sie online einsehbar sind. Hierfür arbeiten wir gerade an einer Kooperation mit der Uni Köln und der Uni Dortmund. Es ist durchaus geplant, dass nach vorheriger Anmeldung an einem Arbeitsplatz im Haus eingesehen werden können.

Herzstück des Hauses ist ja nicht nur die Bibliothek, sondern nach dem Ableben Ihres Vaters auch der Nachlass, weshalb sich die Einrichtung nun zu dem Ungers Archiv für Architekturwissenschaft erweitert hat. Was ist mit dem Nachlass geplant?

Im Grunde Ähnliches wie mit der Bibliothek. Auch hier müssen die Projekte, die Vorträge, die komplette Bibliographie noch aufbereitet werden. Und dann gibt es natürlich das riesige Feld der gesamten digitalen Materialien ab Ende der neunziger Jahre mit endlosen Informationen. Da wurde dreimal am Tag der Planstand neu gespeichert. Auch dieser gesamte Bereich muss noch entsprechend aufbereitet werden. Wir betreuen jetzt schon Doktoranden und Wissenschaftler, die mit dem Nachlass arbeiten, und möchten diese Möglichkeit noch weiter ausbauen.

Das UAA möchte aber nicht nur ein Archiv sein, sondern auch ein lebendiger Ort des kulturellen Austausches über Architektur. Welche Aktivitäten und Veranstaltungen bieten Sie hierfür an?

Wir sind zunächst mit den Ex-Libris-Veranstaltungen an die Öffentlichkeit getreten. Wir laden viermal im Jahr bekannte Architekten und Architekturtheoretiker ein, sich ein Buch aus der Bibliothek auszusuchen und einem interessierten Publikum in einem Abendvortrag vorzustellen. Zudem organisieren wir eine Sommerakademie für Lehrende und Studierende, die hier im Haus Workshops ausarbeiten. Es gab bereits eine Sommerakademie mit der Miami University in Oxford, Ohio, in Zusammenarbeit mit Studenten der FH Köln. Auch die Arcitecture Association in London möchte hier regelmäßig eine zehntägige Sommerakademie abhalten. Offensichtlich zählen Ungers theoretische Gedanken zur Architektur bereits international zum Lehrplan des Architekturstudiums. Für uns ist es ein spannendes Projekt, Gastgeber für einen internationalen Austausch von Studenten zu sein und die Lehre der Architektur hier an diesem Ort fortzuführen. Wir planen auch, dass das UAA zu einem Gästehaus für Wissenschaftler oder Stipendiaten wird.

Sie beschreiben das UAA als einen Kosmos der Architektur, zu dem auch Kunst, Design und Theorie gehören. Was zählt über die Bibliothek und den Nachlass noch zu diesem Kosmos?

Zum einen natürlich der Hauskomplex selbst als eine begehbare Architektur, die von architektonischem Arbeiten und Denken zeugt und ein Denkmal der Architektur der Fünfziger- und Achtziger-Jahre darstellt. Zum anderen ist hier auch viel Kunst und Design zu betrachten. Dafür bieten wir auch Führungen an für ganz normale Bildungsbürger oder Studierende von Universitäten und Fachhochschulen aus aller Welt.
Zudem veranstalten wir Ausstellungen in unseren Räumen. So zeigten wir begleitend zu den Passagen, der Interior Design Week Köln, Architektenmöbel von Oswald Mathias Ungers. Das Jahr danach stellten wir von Alvar Aalto den Stuhl „60“ vor. Im Januar 2014 gab es eine Hommage an den kürzlich verstorbenen Stefan Wewerka – für uns ein ganz besonderes Projekt.

Sie sprechen von „wir“. Wer zählt noch zum Team des UAA?

Zwei langjährige Mitarbeiter von OMU: Bernd Grimm, der die Werkstatt im Haus betreibt, die von Ungers eingerichtet wurde, gewissermaßen als ein Labor, um Theorie und Praxis zu vereinbaren und die Architektin Anja Sieber-Albers, die die persönliche Referentin von Oswald Mathias Ungers war und nun die wissenschaftliche Leitung des UAA übernommen hat. Ohne die Beiden und ihren enormen Wissensschatz wäre eine erfolgreiche Arbeit des UAAs nicht denkbar.

Ein solches Haus mit all seinen Aktivitäten und zukünftigen Projekten zu unterhalten ist doch sicher auch eine finanzielle Herausforderung. Wer zählt alles zu Ihren Förderern?

Das UAA hat ein einen großen Freundeskreis, der 2011 ins Leben gerufen wurde und das Archiv ideell und finanziell unterstützt. Aber natürlich arbeiten wir daran, auch öffentliche und private Sponsoren zu finden. So unterstützt uns die Firma Franz Schneider Brakel (FSB) schon seit den Anfängen. Es finden Gespräche mit der Stadt Köln und dem Land NRW statt, auch Hochschulen sind denkbare Partner. Es ist ein langwieriger Prozess, doch wir bemühen uns nach besten Kräften, die notwendigen Mittel für die Stiftung zusammenzubringen, um das UAA als Kulturort für Architektur langfristig zu erhalten.

Vielen Dank für das Gespräch!