PEOPLE & PERSPECTIVES | 19 / 2015

Die Essenz der Fotografie: Licht, Perspektive und der richtige Moment

Der Fotograf und Kosmopolit Horst Hamann

PEOPLE & PERSPECTIVES | 19 / 2015

Die Essenz der Fotografie: Licht, Perspektive und der richtige Moment

Der Fotograf und Kosmopolit Horst Hamann

Foto: Horst Hamann

Wenn Glück bedeutet, seine Träume zu leben und zu erfüllen, dann müsste Horst Hamann ein glücklicher Mensch sein. Geglückt sind ihm viele seiner Träume. Fotograf wollte er werden, in New York, einer Stadt, die unerschöpflich ist an Motiven, an Menschen, an Bauwerken und Eindrücken.

… dabei mehr Poesie entdeckt als je an einem anderen Ort.

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Foto: Horst Hamann

Die Insel Manhattan, auf der Horst Hamann mehr als die Hälfte seines Lebens verbrachte, hat sein Sehen beeinflusst und ihn zu einem künstlerischen Werk verholfen, das auch das fotografische Abbild New Yorks geprägt hat. „New York Verticals“, hochformatige Aufnahmen von Wolkenkratzern in bestechender Schwarzweißoptik. Eigentlich ein naheliegendes Format und dennoch revolutionär. „Ich frage mich, warum vor mir noch niemand auf die Idee gekommen ist“, erzählt der gebürtige Mannheimer. Er habe einfach seine Linhof Technorama, eine Panoramakamera, um 90 Grad gedreht, senkrecht auf ein Stativ gestellt und die Wolkenkratzer so abgebildet, wie sie sich dem Betrachter darstellen: Als schlank und endlos in die Höhe wachsende Gebäude, die man nur in Gänze erfasst, wenn man den Kopf weit in den Nacken legt. Das Buch, in dem er 1996 in der Edition Panorama all die Aufnahmen zusammenfasst, ist zum erfolgreichen Klassiker und Bestseller geworden.

So einfach die Idee anmutet, die Umsetzung ist komplizierter. Er wartet Ewigkeiten auf Genehmigungen, verschafft sich an Pförtnern vorbei Zugang zu den Objekten seiner Begierde, kehrt wiederholt an ein- und denselben Ort zurück, klettert in schwindelerregende Höhen, wälzt sich in Straßengräben herum, bis alles stimmt: das Licht, die Perspektive und der richtige Moment. Die aufwändigen Panoramafotos sind teuer. Also arbeitet Hamann, der 1989 rund zehn Jahre nach einer ersten Stippvisite nach New York City emigriert, für Magazine, Unternehmen und Verlage. Dass er in Deutschland und den USA zu Hause ist, kommt ihm zugute. Er beliefert deutsche Magazine mit Bildern aus Amerika und amerikanische Magazine mit Bildern aus Europa. Er macht eine Image-Kampagne für die New York University. Er fotografiert Porträts von farbigen Musikern für die Hüllen und Booklets der Motown- Produktion. Und während alldem die Arbeit an den eigenen Bildern, den „New York Verticals“.

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Foto: Horst Hamann

Internationaler und öffentlicher Erfolg stellt sich ein. Der New Yorker Bürgermeister Rudolph Giuliani empfängt ihn, das Museum of the City of New York widmet ihm eine sechsmonatige Einzelausstellung, und mit der Verticals Exhibition im Jahr 2000 im Grand Central Terminal sehen Millionen Menschen seine Bilder der Stadt. Auch junge New Yorker Produktdesigner werden auf den deutschen Fotografen aufmerksam und entdecken das ungewöhnliche Buchformat für ihre Skateboards. Die vertikale Perspektive hat Hamann internalisiert. So betrachtet er Menschen und Häuser, für ihn beides Porträtfotografie mit menschlichem oder urbanem Setting – sei es New York oder Paris, Mannheim oder Frankfurt.

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Horst Hamann

Outlook im Gespräch mit Horst Hamann

Herr Hamann, soeben ist Ihr neues Buch „Absolute New York“ erschienen mit Arbeiten von 1978 bis 2014. Sie haben erheblich mehr fotografiert als die klassischen „New York Verticals“, die zu Ihrem Markenzeichen geworden sind.
Horst Hamann. Ich habe vor allem die Menschen und das Leben New Yorks fotografiert. Ich zeige, was sich in den Straßenschluchten abspielt, in den Subways, den Szene-Lokalen, Geschäften und Parks. Ich möchte die ganz besondere Lebenskultur New Yorks zeigen.

Vor allem in der Werkgruppe „One Night on Broadway“.
Ein Jahr nach 9/11 bin ich den Broadway heruntergelaufen, von der 125. Straße bis zum Battery Park, wo nach genau 11 Stunden und 58 Minuten die Sonne aufging. Ich habe eineinhalbtausend Fotos gemacht, von Straßenarbeitern, Passanten, von Menschen in Restaurants oder Läden, von Liebespaaren, von Frauen und Männern am frühen Morgen auf dem Weg ins Büro und dabei mehr Poesie entdeckt als je an einem anderen Ort.

„People & Perspectives“ heißt die Rubrik dieses Magazins. An dieser Schnittstelle kann man auch Ihre Arbeiten verorten.
Absolut. Fotografie hat viel mit Perspektive, dem richtigen Moment und dem richtigen Motiv zu tun. In dem Werkzyklus „eyes wide shut“ habe ich New Yorker vertikal mit geschlossenen Augen fotografiert. Nach einem langen Arbeitstag sieht man in New York häufig Menschen mit geschlossenen Augen in der Subway. Aus dieser Beobachtung oder dieser Perspektive heraus habe ich die New Yorker fotografiert.

Sie sind nach dem Abitur gleich in die USA gegangen und haben in Maine an einem Workshop teilgenommen. War das der Startschuss als Fotograf?
Der Workshop, den ich Ende der 70er Jahre bei Sonja Bullaty und Angelo Lomeo in Rockport/Maine besucht habe, ist die einzige formale Ausbildung, die ich absolviert habe. Fotografieren war schon als Jugendlicher meine Leidenschaft. Dass aus der Leidenschaft schließlich ein Beruf geworden ist, auch ohne kunstakademische Ausbildung, gehört tatsächlich in die Kategorie „Träume wahr werden lassen“. Rockport ist für Fotografen ein Eldorado. Den ganzen Sommer über finden Workshops statt.

Und dann gleich weiter nach New York, zunächst für ein Jahr. Was bedeutet Ihnen New York?
Die Stadt ist andauernde Inspiration, eine tägliche Herausforderung mit ihrer geballten Energie. Da sind 170 ethnische Gruppen, die das multikulturelle Miteinander der Stadt prägen und New York zu einem Kosmos machen. Die Stadt hat mein Sehen beeinflusst und mich als Mensch geprägt. Wenn ich heute einen Film schaue, der in Manhattan spielt, kann ich genau sagen, an welcher Ecke und zu welcher Tageszeit dort gedreht wurde.

Sie haben aber auch das Land erkundet. Dafür steht Ihr Lebenswerk „Americana“ in horizontaler Perspektive, die die Weite der amerikanischen Landschaft abbildet.
Seit Jahrzehnten fotografiere ich die urbanen Landschaften in den USA. Hier ist es nicht die Architektur, die an den Menschen gekoppelt ist, sondern die Landschaft. Ich liebe dieses Land. Ich könnte das als Fulltimejob machen, einfach herumfahren, schauen und fotografieren. Der klassische Traum von Freiheit und Unabhängigkeit – würde mir das einer bezahlen!

Seit ein paar Jahren leben Sie mit Ihrer Familie wieder in Frankfurt, in unmittelbarer Nachbarschaft zu Ihrer Geburtsstadt Mannheim. Back to the roots?
Auf der Achse Deutschland und USA bewege ich mich immer noch, und das wird auch bleiben. Aber in der Tat gibt es in meiner Geburtsstadt Themenfelder, die für beide Welten stehen. So habe ich mich nach dem Abzug der US-amerikanischen Streitkräfte in den Mannheimer Turley Barracks auf Spurensuche begeben und als Dokumentarist ein Stück Zeitgeschichte festgehalten.

Was war für Sie das spektakulärste Foto, das Sie geschossen haben?
Das Foto mit dem Adler im 61. Stock des Chrysler Buildings. Vier Jahre habe ich auf die Chance zum Fotografieren gewartet. Der Moment war gekommen, als eine befreundete Filmcrew eine Drehgenehmigung hatte und mich mit hineinschleuste. Ich hatte zehn Minuten dafür. Die Sonne senkte sich bereits. Ich schwebte zwischen Himmel und Erde auf einem der Adler weit über die Straße hinaus.

Und was ist Ihr Foto mit der größten Magie?
Eines, das ich nie gemacht habe. Ich war ganz frisch in New York und stand im 80. Stock des Tower One des Word Trade Centers, Blick nach Norden auf eine geschlossene Wolkendecke, nur die Spitze des Empire State Buildings stach hervor – mein „mental Polaroid“. Das ist das Größte: Dinge zu „sehen“, die man zwar sehen kann und die man auch fotografieren könnte, aber die man nur schwer „begreifen“ kann.

Text: Cornelie Kister
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Horst Hamann: Absolute New York, Edition Panorama 2014
392 Seiten mit über 520 Fotografien in Farbe und Duotone
Mit Texten in Deutsch und Englisch von
E. B. White und Freddy Langer