PEOPLE & PERSPECTIVES | 16 / 2013

Die Musik, die Stadt und die Theorie

Christopher Dell

PEOPLE & PERSPECTIVES | 16 / 2013

Die Musik, die Stadt und die Theorie

Christopher Dell

Foto: Fuenfwerken

Die amerikanische Jazz-Legende Lee Konitz sagte einmal über ihn: „Dell klingt, als ob Schönberg swingt.“ Im Jazz beziehungsweise der improvisierten Musik gilt er als einer der wichtigsten Vibraphonisten seiner Generation – und das ist nur die Spitze des Eisbergs. Christopher Dell, der an Produktivität und Vielseitigkeit wohl vergeblich seinesgleichen sucht. Die musikalische Improvisation ist dabei das Leitmotiv, das sich neben seiner Musik auch durch seine zahlreichen Texte, Vorträge, Lehrtätigkeiten, Kunst- und Forschungsprojekte zieht, in denen er musikalische Prinzipien und Praktiken beispielsweise für den Städtebau zu erschließen sucht.

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Foto: Fuenfwerken

Dells Werdegang liest sich wie eine künstlerisch-intellektuelle Odyssee, die keinem vorgefertigten Plan zu folgen scheint und dennoch oder vielleicht genau deshalb zu überraschenden Zielen führt. So wie die Musik, die er unter anderem mit seinem Trio-Ensemble DRA hervorbringt, den Hörer durch ihre hohe Komplexität und gänzliche Unvorhersehbarkeit überaus fordert, letztlich aber immer „gefühlt“ sinnhaftig erscheint. 1965 in Darmstadt geboren, studierte er zunächst eine zeitlang Philosophie in seiner Heimatstadt, anschließend Klavier, Vibraphon und Komposition in Hilversum, Rotterdam und als Stipendiat an der renommierten Berklee School of Music in Boston, wo er mit Magna-Cum-Laude abschloss. Neben seiner Karriere als Komponist und Jazz-Musiker mit zahlreichen Konzerten, Aufnahmen und Auszeichnungen erlangte er einen Master of Human Ressources an der TU Kaiserslautern, war als Lehrer an der Darmstädter Akademie für Tonkunst tätig, gründete das Institut für Improvisationstechnologie ifit in Berlin und schuf eine Vielzahl von transdisziplinären Arbeiten, Schriften, Installationen im Grenzbereich von Musik, Architektur, Kunst, Philosophie und Körpertechniken. Er lehrte Architekturtheorie an der Universität der Künste in Berlin und der Architectural Association in London. Als Gastprofessor für Stadttheorie war er bereits an der Hafen City University in Hamburg tätig sowie an der TU München. Im vergangenen Jahr promovierte er an der Universität Duisburg-Essen über das Thema Organisationsmanagement. Und diese Aufzählung ist keineswegs vollständig.

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„ReplayCity – Improvisation als urbane Praxis“, Christopher Dell (Deutsch, 240 Seiten mit 23 s/w Abbildungen, Schweizer Broschur, Format: 17 x 24 cm, Euro 22.00, ISBN 978-3-86859-039-5), Foto: Fuenfwerken

Eine erste Bilanz seines Denkens zur Stadttheorie bietet sein Buch „ReplayCity – Improvisation als urbane Praxis“ (2011, jovis Verlag). Baukunst und Tonkunst – die Synthesen, Berührungs- und Verknüpfungspunkte dieser beiden Disziplinen scheinen beinah so alt zu sein wie die europäische Ideengeschichte selbst. Sie geistern seit den Pythagoreern und bis in die zeitgenössischste Kunst hinein mal mehr, mal weniger einflussreich und fruchtbar durch die europäische Kultur. Eigentlich könnte man annehmen, das Inbeziehungsetzen von Musik und Architektur sei mittlerweile in alle denkbaren Winkel ausgelotet, hätte nicht Christopher Dell die Bühne der Architektur- und Stadttheorie betreten und mit der „Improvisation als urbaner Praxis“ eine neue Tür aufgestoßen. In „ReplayCity“ unternimmt er in einer Reihe von lose organisierten Essays einen unkonventionell- akademischen, schwungvollen Parforceritt durch Theorien und Denkansätze zu Stadt, Kunst, Gesellschaft, Politik und Philosophie. Teils wird man dem Stoff ohne akademische Grundkenntnisse nur schwer folgen können, einer gewinnbringenden Lektüre steht aber dennoch nichts im Wege. Der Kern seiner Thesen kurz gefasst: Die heutige Komplexität des Urbanen rückt seine Planbarkeit in den Bereich des Unmöglichen und kann letztlich nur durch die Prinzipien der Improvisation sinnvoll bewältigt werden. Das klingt zunächst nach Notlösung, denn damit wird der Begriff nach wie vor nicht nur alltagssprachlich assoziiert: Wem der zielführende Plan oder die Mittel abhanden kommen, der muss eben zwangsläufig improvisieren. In der Musik hingegen betrachtet man den Begriff aus einer gänzlich anderen Perspektive: Improvisation heißt lediglich, dass das ausgeführte Tonmaterial in der Ausführung selbst entsteht und nicht im Vorfeld schriftlich fixiert wurde. Die Improvisation ist somit eine gleichberechtigte, wenn auch nicht die vorherrschende musikalische Praxis des Abendlandes und mit einiger Wahrscheinlichkeit auch die älteste. Als Improvisationstechnologie lässt sie sich dann sinnvoll auf die Stadttheorie übertragen, wenn Stadt nicht als vermeintlich planvoll zementierte Gegebenheit gedacht wird, sondern unter performativen Gesichtspunkten als ein Prozess. Wie die Musik Christopher Dells, so sind auch seine Thesen alles andere als leichte Kost, aber stets geistreich, anregend und auf höchstem Niveau unterhaltsam.

Text: Michael Neser