PEOPLE & PERSPECTIVES | 18 / 2014

Ein Kosmos der Architektur

Das Ungers Archiv für Architekturwissenschaft (UAA)

PEOPLE & PERSPECTIVES | 18 / 2014

Ein Kosmos der Architektur

Das Ungers Archiv für Architekturwissenschaft (UAA)

Wissbegierde und Sammelleidenschaft – wenn diese beiden Komponenten in einem arbeitsamen, langen Leben zusammenkommen, dann häufen sich nicht nur viele, sondern auch sehr unterschiedliche Dinge an. Die angesammelten Artefakte lebendig zu erhalten und den Schatz kulturellen Wissens anderen zugänglich zu machen, hat sich Sophia Ungers zur Aufgabe gemacht.

Man hat nicht oft die Gelegenheit, ein bedeutsames Haus gleich zweimal in komplett unterschiedlicher Ausstrahlung zu erleben. Während es an dem regnerischen Novembernachmittag still vor sich hinträumt und die Aura einstiger Betriebsamkeit verströmt, verwandelt es sich am darauffolgenden Abend zu einem lebendigen Treffpunkt architekturbegeisterter Menschen. Schon zu Lebzeiten von Oswald Mathias Ungers, mit dem weithin bekannten Kürzel OMU, war das Wohn- und Bürohaus mit dem angebauten Bibliothekskubus in der Kölner Belvederestraße eine Pilgerstätte für Architekten, Studierende oder einfach nur Architekturinteressierte. „Wenn mein Vater gut gelaunt war“, sagt Sophia Ungers, „dann hat er die neu-gierigen Zaungäste auch hereingebeten.“ Genau so hält es auch die Tochter des 2007 verstorbenen Oswald Mathias Ungers. Sie möchte die Türen zu diesem einzigartigen Ensemble aus Bibliothek, Nachlass und Kunstsammlung offen halten und zu einem Ort der Kultur und Forschung machen. „Es gibt Bibliotheken, es gibt Architektennachlässe und es gibt Architekturhäuser“, erklärt die Kunsthisto­rikerin, „aber dies in einem ‚Kosmos‘ räumlich vereint, ist eine große Seltenheit.“ In dem Unger’schen Bibliotheksturm, angefüllt mit rund 12.000 Büchern, die über 500 Jahre Architekturgeschichte umfassen und eine der wertvollsten und umfangreichsten Sammlungen zum Thema Architektur darstellen, wird das dem Besucher sogleich bewusst. Es war die Wissbegierde, die in den fünfziger Jahren den Grundstock für die Bibliothek legte. Bald schon kristal­lisierte sich der Anspruch heraus, eine vollständige Bibliothek mit theoretischen Schriften sämtlicher Meister der Architektur auf­zubauen. Doch wer einmal vom Sammelvirus befallen ist, der beschränkt sich selten auf nur auf eine Sache. „Mein Vater interessierte sich auch für Architekturschmuck, für Design, für Kunst, für Architekturmodelle überhaupt.“ Sophia Ungers führt durch die Werkstatt im Keller des Hauses. „Hier ließ Ungers die für ihn wichtigsten Architekturprinzipien und Gebäude nachbauen.“ Dreizehn Architekturmodelle stehen in der Bibliothek und in den einstigen Wohn- und Arbeitsräumen des Hauses.

Damit diese Vielschichtigkeit auch in Zukunft lebendig bleibt, will das UAA mehr sein als nur ein Archiv. Mit einer Reihe von Aktivitäten und Veranstaltungsreihen setzt sich Sophia Ungers dafür ein, dass auch eine breite Öffentlichkeit an dem Kosmos der Architektur teilhaben kann. In Sommerakademien bringt sie internationale Studenten und Lehrende zusammen, um über Architektur zu forschen. Außerdem gibt es Ausstellungen zu architektonischen Themen, Führungen durch das Haus oder die Veranstaltungsreihe Ex-Libris, in der einzelne Bücher der Bibliothek aus ihrem Regalschlummer geweckt werden. Viermal im Jahr werden wichtige und bekannte Persönlichkeiten einge-laden – Architekten und Architekturtheoretiker – und gebeten, ein für sie bedeutsames Buch aus der Bibliothek vorzustellen. „Bei Ex Libris steht OMU oder seine Architekturtheorie gar nicht im Mittelpunkt. Es heißt ja ‚Ungers Archiv für Architekturwissenschaft‘ und nicht ‚Archiv für Ungers-Wissenschaft‘“, erläutert Sophia Ungers. Und so lauscht das Publikum gebannt, was Peter Cachola Schmal, Direktor des Deutschen Architekturmuseums, über Günter Behnisch zu erzählen weiß, dessen Architektur kaum unterschiedlicher zu der von OMU sein könnte. Eine Provokation für Sophia Ungers? Beileibe nicht, der Austausch über einen erweiterten Begriff von Architektur, über Design und Architektur, über Kunst und Architektur, über Positionen von Architektur ist das Spannende, zu dem dieser Ort den passenden Rahmen bietet.

Ein Interview mit Sophia Ungers finden Sie hier.

 

Text: Cornelie Kister