FOKUS | 19 / 2015

Eine kurze Geschichte der Sanitärkultur

Bad und WC im Wandel der Jahrhunderte

FOKUS | 19 / 2015

Eine kurze Geschichte der Sanitärkultur

Bad und WC im Wandel der Jahrhunderte

Samstag ist Badetag. Das war lange Zeit ein ungeschriebenes Gesetz unter deutschen Dächern. Bis in die Nachkriegszeit wurde das Hygiene-Ritual mit Zubern und Wannen inmitten der Küche zelebriert. Dann schwappte eine bahnbrechende Innovation aus den Vereinigten Staaten über den Ozean: das Badezimmer. Die „Nasszelle“ fristete zunächst ein Dasein als ungeliebtes Stiefkind der Architektur. In den 70er-Jahren begannen die ersten Designer, dieser strikt funktionalistischen Sphäre Ästhetik einzuhauchen. Heute mausert sich das hässliche Entlein zur Wellnessoase, zum Tempel, in dem wir dem Megatrend Entschleunigung und dem neuen Körperkult der Selbstoptimierung huldigen.

Römische Thermen waren Zentren des sozialen Lebens und der Kommunikation.

Bereits vor über 4.000 Jahren wusste man im Zweistromland entlang Euphrat und Tigris ein wohltuendes Bad in eigens dafür erbauten Anlagen zu schätzen. Im antiken Griechenland kam die Badekultur zur vollen Blüte, als im 5. Jahrhundert v. Chr. die ersten öffentlichen Bäder entstanden. Mit der neuen Mode ging natürlich auch Kritik einher: Der Dichter Aristophanes (um 450 bis 380 v. Chr.) beklagte eine Verweichlichung der Männer durch die warmen Bäder; Platon (um 428 bis 348 v. Chr.) wollte deren Wohltat auf Alte und Kranke beschränkt wissen. Mit den Thermen der Römer erreichte die Badekultur schließlich ihren historischen Höhepunkt – sie waren Zentren des sozialen Lebens und der Kommunikation. Letzteres galt gleichermaßen für die teils luxuriös ausgestatteten öffentlichen Latrinen, in denen man gegen eine Gebühr in Reihen nebeneinander saß, um zu plaudern und zu verhandeln. Der deutsche Euphemismus „sein Geschäft verrichten“ geht darauf zurück. Und noch eine Redensart hat ihren Ursprung im Sanitären: In Rom stellten die Gerber und Stoffwalker Amphoren auf, um Urin als Gerb- und Bleichmittel zu sammeln. Kaiser Vespasian (9 bis 79 n. Chr.) erließ eine Steuer darauf und bemerkte klug, dass dem Geld, trotz seiner unreinlichen Herkunft, kein Geruch anhafte: Pecunia
non olet – Geld stinkt nicht.

Mit dem Niedergang Roms ging im Westen auch seine hochentwickelte Sanitärkultur verloren. Ganz anders im Byzantinischen Reich – dort hat man sie weiter gepflegt und vorangetrieben. Nach der Eroberung von Alexandria im Jahre 642 berichtet der arabische Feldherr Amr ibn al-As verwundert von „4000 Villen mit 4000 Bädern“. Die Muslime übernahmen diese Badekultur und verknüpften sie eng mit ihrer noch jungen Religion. Die Körperreinigung unter fließendem Wasser ist bis heute Vorschrift vor jedem Moschee-Besuch. Der hohe Stellenwert der Körperwäsche im Islam machte wiederum die christlichen Kreuzzügler auf deren Vorzüge aufmerksam, und sie reimportierten die exotische Praxis in das Abendland. So begann ab dem 13. Jahrhundert die Epoche der Badehäuser. Neben einer aus heutiger Sicht eher rudimentären Form von Körperhygiene – immerhin mit Wasser, wenn auch nicht unbedingt mit sauberem – wurden hier auch Dienstleistungen wie Zähneziehen, Haareschneiden, Aderlass und kleinere chirurgische Eingriffe feilgeboten. Die Bäder-Blütezeit im 15. Jahrhundert währte kurz: Zunächst kam es zur ersten Holzknappheit in Mitteleuropa, was das Brennholz teuer und den Badbesuch für viele unbezahlbar machte. Pest, Syphilis und schließlich der Dreißigjährige Krieg taten ihr Übriges. Und damit begann – trotz Renaissance, Aufklärung und den großen gesellschaftspolitischen, wissenschaftlichen und kulturellen Revolutionen dieser Jahrhunderte – das finsterste Kapitel der europäischen Hygiene- und Sanitärkultur.

Während im Römischen Reich Fäkalien bereits durch fließendes Wasser abgeleitet wurden, kannte das Europa dieser Zeit keine vergleichbare Technologie. Seine Notdurft verrichtete man überwiegend aus dem Stegreif an Ort und Stelle oder mithilfe einfacher Eimer, die in die Gosse oder in offene Senkgruben gekippt wurden. Burgen, Schlösser und Klöster verfügten zwar häufig über sogenannte Aborterker. Von dort gingen die Ausscheidungen jedoch einfach ins Freie und versickerten im Boden – oft unweit der Grundwasserbrunnen, was regelmäßig zu Kontaminationen führte. In den prächtigen Schlossanlagen des 17. und 18. Jahrhunderts war das nicht anders. Man behalf sich selbst in Versailles noch mit tragbaren Leibstühlen, deren Inhalt von der Dienerschaft nach Gutdünken entsorgt wurde.

Auch das Waschen und Baden als solches wurde zwischen dem 16. und 18. Jahrhundert in Europa nicht nur als weniger en vogue angesehen, sondern gar als schädlich. Man glaubte, verstopfte Poren würden den Körper vor Krankheiten schützen. Die englische Monarchin Elisabeth I. (1533–1603) gestand, das Gesundheitsrisiko eines Vollbads dennoch einmal im Monat auf sich zu nehmen. Die meisten Menschen folgten jedoch geflissentlich der Regel, nur das zu waschen, was außerhalb der Kleidung zum Vorschein kam. Das galt natürlich auch für Kinder: Ludwig XIII. (1601–1643) wurde mit sieben Jahren zum ersten Mal gebadet. Von den Gossen der Städte bis in die Poren der Hochwohlgeborenen: Europa stank damals zum Himmel – und das konnten die gerade in Mode kommenden Parfums nur geringfügig überdecken.

In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts dann die entscheidende Trendwende. Die Poren-Theorie kam bei den Engländern in Verruf: In einem wissenschaftlichen Versuch hatte man Pferde mit Teer überzogen – sie verendeten binnen Kürze, und die Briten begannen sich wieder eifrig zu waschen. Übrigens mit kaltem Wasser, denn der große Historiker Edward Gibbon – vielleicht hatte er Aristophanes und Platon gelesen – machte das verweichlichende Warmwasserbad für den Untergang Roms verantwortlich. Wehe dem Empire! Zur gleichen Zeit entstanden in ganz Europa die Flussbadeanstalten – Vorläufer der Bade- und Trinkkur-Mode, die im 19. Jahrhundert und bis zum 1. Weltkrieg das gesellschaftliche Leben der Schönen und Reichen bestimmte und Städten wie Wiesbaden oder Baden-Baden, wo schon die Römer die örtlichen Thermalquellen schätzten, internationalen Glanz verlieh. Das Wasser war plötzlich überall auf dem Vormarsch, und den Körper zu reinigen, machte peu à peu in allen gesellschaftlichen Schichten Schule.

Auch dem Fäkaliengeruch in den Städten begann man im 18. Jahrhundert zu Leibe zu rücken. Wien war als erste Stadt Europas bereits 1739 mit einer Kanalisation ausgestattet, weitere folgten im Lauf der nächsten hundert Jahre. Vielerorts wurde das Erledigen der Notdurft auf offener Straße mit Strafen belegt und das Berufsbild des Abtrittanbieters kam auf. Die sogenannten Buttenmänner und -weiber boten ihre Dienste vor allem bei großen Märkten und Messen an, so auch bei der Frankfurter Messe. Gegen einen kleinen Obolus stellten sie einen Eimer und einen großen Umhang zur Verfügung und sorgten so für schamfreie und ordnungsgemäße Erleichterung.

Im Lauf des 19. Jahrhunderts verbreitete sich die allgemeine Sanitärkultur rasant – vor allem auch im häuslichen Bereich. Die großen Städte verfügten endlich über eine moderne Kanalisation. In den Häusern der wirtschaftlich erstarkenden Bürger ließ man Wasserklosetts installieren. Samstags wurde der Waschzuber in die Küche und große Töpfe mit Wasser auf den Herd gehievt. Das große Baden markierte gewissermaßen das Ende der Arbeitswoche und die Vorbereitung auf den heiligen Sonntag. Selbstredend wurde nicht für jedes Familienmitglied frisches Wasser aufgesetzt, sondern bestenfalls mal heißes nachgegossen. Diese Praxis hielt sich bis weit ins 20. Jahrhundert. 1889 kam buchstäblich Bewegung in die häusliche Badekultur: Der Berliner Klempner Carl Dittmann entwickelte die sogenannte Wellenbadeschaukel. Die Konstruktion mit gewölbtem Boden, ermöglichte es, durch das Anziehen und Strecken der Beine die Wanne so in Bewegung zu versetzen, dass das Wasser sich in Wellen über den ganzen Körper ergoss. Ein Heidenspaß und zugleich der Vorläufer der berühmten Volksbadewanne aus Zinkblech. Zur gleichen Zeit wurden in den Städten die Bürger- und Volksbäder eingerichtet, die den Arbeiterfamilien aus den engen häuslichen Gegebenheiten eine Möglichkeit zur umfassenden Körperpflege boten. In den Bürgerhäusern kam zu Beginn des 20. Jahrhunderts das Frankfurter Bad auf – eine abgetrennte Nische der Küche oder manchmal auch des Schlafzimmers, in die eine Wanne und ein Waschbecken installiert wurden. Manchmal auch schon ein Badeofen. Und nachdem Badende seit Jahrhunderten ein beliebtes künstlerisches Sujet waren, hob Marcel Duchamp 1917 unter dem Pseudonym „R. Mutt“ ein schlichtes Urinal in diesen ehrenwerten Stand. Werktitel: „Fountain“. Damals ein Skandal – heute ein Schlüsselwerk der Modernen Kunst.

Nach dem 2. Weltkrieg orientierte man sich in Europa am amerikanischen Vorbild. Längst war dort zumindest jeder zweite Haushalt mit einem eigenen Badezimmer ausgestattet – für europäische Verhältnisse noch ein Luxus, jedoch ein bezahlbarer. Der Siegeszug der Sanitärkultur war eingeläutet. Bad und WC innerhalb der Wohnung entwickelten sich zum allgemeinen Standard. Bis in die 70er-Jahre wurde der sichtbare Teil der Sanitärtechnik – die Armaturen, Becken und Wannen – fast ausschließlich unter funktionalen Gesichtspunkten gestaltet. Die erste Sanitärkollektion mit einer übergreifenden ästhetischen Formsprache lieferte Luigi Colani Mitte der 70er als erster Designer, der sich überhaupt dieses Bereichs annahm. Der eigentliche Aufbruch des Sanitärdesigns erfolgte dann in den 80er-Jahren. Als ein weiterer wichtiger Meilenstein in dieser Entwicklung kann Philippe Starcks „Salon d’eau“ von 1994 gelten – eine Neudefinition des häuslichen Bades als Erlebnisraum, die den Stein erst so richtig ins Rollen brachte. Von hier aus entwickelten sich bis heute die unterschiedlichsten Stilrichtungen. Seit Beginn des 21. Jahrhunderts treiben die Hersteller die Entwicklung durch technische Innovationen und neue Materialien und Oberflächen voran. Heute spielen zudem die steigenden Anforderungen an Nachhaltigkeit und Barrierefreiheit eine immer größere Rolle.

Weit über 20 Milliarden Euro setzt die deutsche Sanitärwirtschaft jährlich im In- und Ausland um – Tendenz steigend. Und das Badezimmer drängt aus seinem vollgefliesten Nasszellen-Exil zurück in die Sphäre des Wohnens und der Freizeitgestaltung. Unwahrscheinlich, dass es uns eines Tages wieder als Waschzuber zwischen Kücheninsel und Designeresstisch begegnet – so wie wir uns vermutlich auch nie mehr auf öffentlichen Toiletten zu Business Meetings und Konferenzen versammeln werden. Aber vielleicht wird die Geschichte der Sanitärkultur irgendwann fortgeschrieben um eine Epoche, in der das bürgerliche Wohnzimmer zugunsten der häuslichen Wellnessoase zur Sitzecke schrumpfte und sich das Badezimmer als Raum für Entschleunigung, Entspannung, Fitness und Kommunikation etablierte. Wer weiß? Doch das ist spekulative Zukunftsmusik. Die Trends, die schon heute in der Sanitärkultur den Ton angeben, präsentiert – wie schon seit weit über 50 Jahren – die Messe Frankfurt im Rahmen der ISH 2015.

Text: Michael Neser

ISH 2015: das ideale Badezimmer aus vier Perspektiven

Im Mittelpunkt moderner Badgestaltung stehen die Bedürfnisse des Nutzers. Ein ideales Badezimmer passt sich den einzelnen Lebensphasen des Menschen an und ermöglicht so größtmöglichen Komfort. Auf der ISH werden vier Konzeptbäder präsentiert, die diese individuellen Badwelten anschaulich erklären:
Kids: Abenteuer-Kinder brauchen das Bad als Erfahrungsraum Singles: Ein Platz zum Träumen und Entspannen für Individualisten
Family: Familien brauchen Raum zur Improvisation
Best Ager: Ein Bad für den Wunsch nach Leichtigkeit – in jedem Alter

Nähere Informationen unter: www.pop-up-my-bathroom.de