FOKUS | 17 / 2013

Energiewende am Industriedenkmal

Der EUREF-CAMPUS als Testfeld für ein Smart Grid

FOKUS | 17 / 2013

Energiewende am Industriedenkmal

Der EUREF-CAMPUS als Testfeld für ein Smart Grid

Abbildung: Avda, EUREF

„Bis 2018 soll auf dem 55.000 Quadratmeter großen Areal ein eigenständiges Quartier mit 25 Gebäuden und 15 Prozent Wohnanteil entstehen.“

Rund um das Industriedenkmal „Gasometer Schöneberg“, in dem zentral gelegenen gleichnamigen Berliner Stadtteil, entsteht gerade ein europaweit einzigartiges Modellprojekt für die sogenannte „intelligente Stadt“ von morgen. Hier geht es zum einen darum, ein Wirtschafts-, Wissenschafts- und Kompetenzzentrum zu schaffen, in dem sich Unternehmen aus dem gesamten Energie-, Klima-, Mobilitäts- und Bausektor ansiedeln, zum anderen sollen hier die technischen Versorgungsgrundlagen für den Umbau unseres Energiesystems im Maßstab eines kompletten Stadtquartiers erprobt werden. Solche Versuchsfelder sind vor allem vor dem Hintergrund wichtig, dass der Umbau des Systems im Bereich der Energieerzeugung bereits in vollem Gange ist, während zentrale Fragen der Speichertechnologie und damit einhergehend der Versorgungssicherheit längst nicht geklärt sind. Jedenfalls könnte man sich keinen symbolträchtigeren Ort für ein solches Projekt denken als das Umfeld eines Industriedenkmals, welches das Zeitalter der fossilen Brennstoffe und einen ersten Höhepunkt der urbanen Energieversorgung durch Gas exemplifiziert. In gewissem Sinne schließt sich hier also ein Kreis – wenn auch zunächst nicht ganz reibungslos.

Die Geschichte des Gasometers Schöneberg in Berlin ist eine mit Höhen und Tiefen, die sich jedoch nun einer neuen glanzvollen Ära nähert. Der zwischen 1908 und 1910 montierte Teleskopgasbehälter war mit seinen 160.000 Kubikmetern Speicherkapazität zu dieser Zeit einer der drei größten Gasspeicher in Europa. Durch Probleme bei der Baugenehmigung, Bürgerproteste und einen schweren Bauunfall, bei dem einer der über 80 Meter hohen Montagemasten umstürzte, verzögerte sich die Inbetriebnahme des Speichers jedoch bis 1913. 1944 fiel die Anlage den Bomben zum Opfer. Nach dem Krieg wurde sie wieder aufgebaut und versah dann über die Jahrzehnte friedlich ihren Dienst im politisch umstürmten Berlin. Erst Anfang der 90er Jahre wurde sie aus dem Betrieb genommen und 1994 gemeinsam mit den noch erhaltenen historischen, teilweise von Alfred Messel erbauten Backsteingebäuden des ehemaligen Gaswerksareals unter Denkmalschutz gestellt. Damit stand man vor einem Problem: Wie sollte die notwendige und aufwendige Restaurierung und Erhaltung der in die Jahre gekommenen Stahlkonstruktion in Zeiten klammer Kommunen finanziert werden? Eine Lösung für dieses Problem suchte die EUREF AG 2008 – als neuer Eigentümer des Areals mit hochfliegenden Plänen – in der Installation der damals größten LED-Werbefläche Europas an der weithin sichtbaren Landmark. Doch ist das Projekt weder bei den Anwohnern – diplomatisch formuliert – auf Gegenliebe gestoßen, noch hat es die erhofften Erlöse eingebracht. Anfang 2012 wurde die Werbefläche wieder abmontiert.

Schwestergesellschaften der EUREF AG haben in Berlin und den neuen Bundesländern seit 1979 bereits über 400 Immobilienprojekte mit einem Investitionsvolumen von mehr als vier Milliarden Euro initiiert und entwickelt. Die nötige Erfahrung für ein Projekt dieser Größenordnung bringen EUREF-Vorstand und Architekt Reinhard Müller und sein Team also sicherlich mit. Wegen angeblicher Verzögerungen geriet das Projekt immer wieder in die öffentliche Kritik. Mit der ersten Sanierungsphase des Gasometers wurde jedoch im Jahr 2011 begonnen. Zurzeit ist für die weitere Sanierung eine europaweite Ausschreibung in Vorbereitung, nach der die Sanierung dann planmäßig weitergeführt wird. Erster Erfolg der Sanierung ist es, dass der Gasometer bereits jetzt wieder der Öffentlichkeit für Besteigungen zur Verfügung steht.

Dabei wirkt das visionäre Gesamtkonzept durchaus vielversprechend: Bis 2018 soll auf dem 55.000 Quadratmeter großen Areal ein eigenständiges Quartier mit 25 Gebäuden und 15 Prozent Wohnanteil entstehen. Das geplante Investitionsvolumen soll sich auf rund 600 Millionen Euro belaufen und 5.000 neue Arbeitsplätze schaffen. Bereits jetzt sind auf dem EUREF-Campus rund 1.300 Menschen in den angesiedelten Unternehmen beschäftigt; im Jahr 2008 waren es noch etwas mehr als 100. Die Anbindung an die Verkehrssysteme ist hervorragend. Die Energieversorgung des gesamten Quartiers soll nahezu CO2-neutral und durch vor Ort erzeugte Energie aus regenerativen Quellen mit vergleichsweise geringen Unterhaltskosten gewährleistet werden. Im Zentrum des Energiekonzepts stehen energetisch optimierte Gebäude, allesamt mit LEED-Gold-Zertifizierung, und ein lokales „Micro Smart Grid“. Letzteres soll die Lösung bieten für eine der größten Herausforderungen im Umbau unseres Energieversorgungssystems von zentralen Energieerzeugern mit konstanter und kontrollierbarer Leistung hin zur dezentralen Erzeugung aus regenerativen Quellen mit den bekannten Leistungsschwankungen. Hier wird also die intelligente Vernetzung von Erzeugung, Speicherung, Netzmanagement und Verbrauch zu einem stabilen Gesamtsystem angestrebt. Dabei spielt vor allem das Energiemanagement durch intelligente Strommesser, so genanntes „Smart Metering“, eine zentrale Rolle, durch die der Stromverbrauch bedarfsgerecht gesteuert werden soll. Ein weiterer wichtiger Baustein eines solchen Systems ist die Elektromobilität – hier im Car-Sharing-Prinzip. Die Akkumulatoren von E-Cars und E-Bikes sollen als Speicher für das Gesamtsystem genutzt werden. Der Einsatz von Elektro- Autos im großen Maßstab könnte hier eine Rolle übernehmen, die weit über die umweltverträgliche Mobilität hinausgeht. Nicht zuletzt haben die deutschen Automobilkonzerne das Potenzial dieses Prinzips erkannt und investieren derzeit verstärkt in seine Erprobung. Außerdem setzt man am EUREF-Campus auf die Nutzung von Geothermie sowie den Einsatz einer Großbatterie zur Unterstützung des Energiesystems. Bis 2018 soll das eigene Arealnetz mit lokalem Lastmanagement umgesetzt sein.

Doch nicht nur im Hinblick auf energieeffiziente Technologie hat das Projekt Vorzeige- Charakter: Forschung, Anwendung, Lehre, Veranstaltung und Gastronomie, Arbeiten und Wohnen – gemäß des ganzheitlichen Konzeptes für das neue Quartier verbinden sich hier viele unterschiedliche Bereiche in unmittelbarer Nachbarschaft. So hat auch die renommierte TU Berlin sich mit einer neuen Einrichtung niedergelassen. Seit dem Wintersemester 2012/13 werden auf dem EUREF-Campus, passend zur Ausrichtung des Areals, drei Masterstudiengänge rund um den Themenkomplex Stadt und Energie angeboten: Energieeffizientes Bauen und Betreiben von Gebäuden, Energieeffiziente urbane Verkehrssysteme und Urbane Versorgungsstrukturen können hier nun inmitten eines der ersten größeren Modelprojekte für diese Themen studiert werden. Davon wiederum werden sicherlich auch die am Areal ansässigen privaten Institute und Unternehmen aus dem Energie- und Planungssektor profitieren, deren potenzielle künftige Fachkräfte quasi vor der eigenen Haustüre heranwachsen. Maßgeschneiderte Büro- und Wohnflächen sollen die zertifizierten „Green Buildings“ bieten, umgeben von einem attraktiven Umfeld mit großzügigen Grünanlagen, kurzen Wegen und einer „hochkarätigen Standort-Community“. Gemeinsam mit allen ansässigen Akteuren aus Forschung, Anwendung und Industrie soll das Quartier zum Erprobungsfeld für innovative Technologien werden und zum „Schaufenster und offenem Forum für Zukunftsthemen“.

Allen Verzögerungen und Unkenrufen zum Trotz scheint aus der hehren Vision der EUREF AG nun Wirklichkeit zu werden: Die historischen Backsteingebäude sind größtenteils saniert. Den alten Wasserturm des Messel-Baus hat die TU Berlin mit ihrem neuen Studienangebot bezogen. Der erste zehngeschossige Bau mit LEED-Gold-Zertifizierung wurde im Januar 2013 fertig gestellt: 15.200 Quadratmeter Geschossfläche, zweigeschossige Tiefgarage, modernste Gebäudetechnik mit Instabus-System, energiesparende sowie gesundheits- und umweltverträgliche Dämmstoffe, dreifach verglaste Fenster und eine intelligente Fassade. Der Primärenergieverbrauch liegt laut EUREF AG 17,2 Prozent unter den Anforderungen der EnEv 2009. Man darf gespannt sein wie sich diese zukunftsweisende Pilot-Energiewende am Industriedenkmal in Berlin weiterentwickelt.

Ein Interview mit EUREF-Vorstand Reinhard Müller finden Sie hier.

smart powered building

Im Rahmen der Light+Building 2014 zeigt die Messe Frankfurt die Sonderschau „Smart Powered Building“, die den Themenkomplex des intelligenten Energiemanagements aufgreift. Sie demonstriert, wie eine zukünftige dezentrale Energieerzeugung unter Nutzung regenerativer Energien aussehen kann. Die Schau zeigt das vernetzte Gebäude als Kraftwerk, das nachhaltig Energie erzeugt, nutzt, speichert und in ein intelligentes Netz (Smart Grid) eingebunden ist.

Die Besucher sehen – zum Teil im Live-Bertrieb – an dem Gebäude exemplarisch das Zusammenspiel verschiedener Komponenten der Stromgewinnung unter Einbindung erneuerbarer Energien, die Stromverbrauchserfassung („Smart Metering“), die Weiterleitung und Speicherung.

Parallel zu dieser Sonderschau demonstriert das E-Haus des ZVEH (Zentralverband der Deutschen Elektro- und Informationstechnischen Handwerke) in Halle 8.0 realitätsnah, welche Möglichkeiten intelligente Gebäude in Bezug auf Energieeffizienz, Komfort und Sicherheit geben. Ebenso zeigt es multifunktionale und generationenübergreifende Gebäudekonzepte auf der Basis von Vernetzung.