HAUSMEISTER | 17 / 2013

Formalhaut

Die Architekten und Künstler Götz Stöckmann und Gabi Seifert

HAUSMEISTER | 17 / 2013

Formalhaut

Die Architekten und Künstler Götz Stöckmann und Gabi Seifert

Foto: FORMALHAUT

Position: Ein Stern im Sternbild südlicher Fisch
Konstellation: α Piscis Austrini.
Entfernung: 25 Lichtjahre von der Sonne entfernt.
Helligkeit: In der Liste der hellsten Sterne am himmel nimmt er Platz 18 ein.
Alter: Circa 100 bis 300 Millionen Jahre alt.

 

„Wenn der Raum sehr klein ist, nehmen wir nur die Raumgrenzen wahr. Aber wenn der Raum zu groß wird, um ihn zu erfassen, erhält der Schönheitsbegriff eine andere, eine neue Wirkung.“

Es sieht aus als wäre es vom Himmel gefallen. Dabei nennt sich das weiße, schlank aufragende Gebäude ganz unprätentiös einfach nur „Living Room“. Mitten in der Altstadt von Gelnhausen bei Hanau steht es und es sieht nicht danach aus, als würde es wirklich versuchen, seinem Namen gerecht zu werden. Rechts und links schmiegen sich Fachwerkhäuschen und Bruchsteinscheunen an, wie sie alle Nas’ lang in Gemeinden dieser Größenordnung zu finden sind. Und dann dieses… dieses… ja, es fehlen einem wirklich die Worte… Okay es hat einen Giebel und sogar ein gemütliches Krüppelwälmchen und lauter Fenster und wenn man da an der Fassade Fachwerk draufpinseln würde und das Dach rot lackieren, dann würde es vielleicht Mimikri machen mit seiner Umgebung – aber natürlich will es das nicht, dieses Ding. Denn hier, bei diesem OEuvre der Architektengruppe „Formalhaut“ aus dem Jahr 2004 geht es ja um etwas ganz, ganz anderes. Im Erdgeschoss umschließt es einen sperrigen monolithischen Steinblock, der fast den ganzen Grundriss einnimmt und um den man sich als Bewohner herumzwängen muss oder auf dem man sitzen darf. Er ist ein Fremder im eigenen Haus, der so andersartig ist wie dieser polierte schwarze Monolith in Stanley Kubricks „Odyssee im Weltraum“. Und dann im Obergeschoss diese RIESIGE Schublade, die sich aus dem hohen inneren Raum ausziehen lässt, damit man als Bewohner unter dem freien Sternenhimmel schlafen kann – und dann diese 52 gleichgroßen Fenster, die wie ausgestanzt aus der weißen Aluminium-Fassade wirken und Transparenz ganz neu definieren.

„Du, Gabi, lass mich das mal so lange erklären,“ Götz Stöckmann lehnt sich in seinem Drehstuhl zurück und windet sich regelrecht in einem Impuls aus Mitteilsamkeit und dem Reiz, das Gespräch in eine neue unerwartete Richtung zu drängen beim Blick zurück in die eigene Vergangenheit: „Nun, wir waren schon recht erfolgreich, damals mit Otmar, als wir gestartet sind. Aber er hatte das Problem, weil er als Künstler sein eigenes Ding nicht voran brachte und wir wollten in die Architektur rein.“ Und so endete um 1995 die Kooperation der Gruppe Formalhaut mit dem Künstler Otmar Hörl nach rund zehn Jahren, und Gabi Seifert und Götz Stöckmann ließen sich weitere zehn Jahre lang dazu hinreißen, konventionelle Büro- und Industriegebäude zu bauen.

Gestartet hatte das Team 1985 an der Städelschule Frankfurt, wo die drei sich zusammenfanden und aufsehenerregende Installationen initiierten, wie das „Kuhprojekt“ von 1986. Dabei stellten sie eine Kuhherde in transparente Boxen, die über eine der saftigen südhessischen Mittelgebirgsweiden verstreut sind. Es scheint, als seien diese Räume von Außerirdischen gebracht worden und nun stehen die Kunststoffboxen alle parallel zu einander ausgerichtet auf der saftigen Wiese, so dass jede Box eine Kuh umschließt, die da etwas verwirrt nach draußen schaut. Völlig irre – und ganz normal. Kunst eben. Oder etwa nicht?

„Das Kuhprojekt war die erste Phase. Danach kam unser Ausflug in die Architektur, dessen Abschluss das Projekt Living Room 2004 war. Und dann begann unsere dritte Phase, das was wir zur Zeit machen“, Götz Stöckmann zeigt auf die Wände im Atelier und erläutert die aktuellen Projekte. „Wir arbeiten jetzt quasi im Underground. Wir machen was wir wollen“, sagt Götz Stöckmann und lacht. „Und sitzen zwischen allen Stühlen, da wir weder Kunst noch Architektur machen. So was interessiert doch keinen. Keine Sau!“ sagt er laut lachend und Gabi Seifert, die andere Formalhauthälfte, runzelt die Stirn und widerspricht – aber ein wenig zu zaghaft. Das löckt Götz Stöckmann wider den Stachel: „Kannste ruhig so schreiben, mir in die Schuhe schieben!“ und da ist es wieder, das Lachen und auch Gabi Seifert lacht – so sind die beiden, voller Witz und mit der nötigen ironischen Brechung unterwegs. Dieses charmante Augenzwinkern und die erfrischende Selbstironie sind bei vielen Projekten von Formalhaut zu finden und brechen ein wenig die Dominanz des intellektuellen Überbaus. Eine Sichtweise, die man sich bei so manchem Architekturprojekt wünschen würde.

Doch bei allem Augenzwinkern, Formalhaut geht es bei seinen Arbeiten um den Raum und sich selbst im ganz Kleinen – und das All im ganz Großen. Nicht mehr und nicht weniger. Und so sieht sie aus, die dritte Lebensphase von Formalhaut („Wir gehen jetzt auf die sechzig zu und sind über den Zenit!“). Das Alte ist mit dem Projekt „Living Room“ seit 2004 in Gelnhausen abgeschlossen und das Neue beginnt.

„Klar Architektur, da geht es darum, dass ein Innenraum wasserdicht wird, und so etwas. Das ist sicher wichtig und hat seine Berechtigung. Es interessiert uns bei Formalhaut aber nicht. Denn Bauen ist etwas, das kaum mit dem Raumbegriff wie wir ihn verstehen, in Übereinkunft zu bringen ist.“

Das entstehende Vakuum nach den zehn Jahren Ausflug in die eher klassische Architektur mit einem Büro und 13 Mitarbeitern wird nun mit einer Ideenwelt gefüllt, die in der Lehre zum Ausdruck kommt: an der Universität Innsbruck (Gabi Seifert hat dort eine Professur und ist Dekanin des Fachbereichs) sowie der Universität Siegen (wo Götz Stöckmann eine Vertretungsprofessur für Grundlagen der Gestaltung inne hat. Zuvor lehrte er zehn Jahre an der AA in London). Die sichtbarste Form der dritten Formalhaut-Phase aber sind die Rauminstallationen „Vessels“ (Gefäße) und Fotografien im australischen Outback – wobei der Begriff „Gefäß“ das Äquivalent zum Raum ist.

„Der erste Raum, den die Menschen schufen, war die zum Wasserschöpfen hohl geformte hand – damit ging es wohl los, das menschliche Schaffen von Architektur, von Innenräumen. Im haus erkennt man den Raum dann schon viel eher.“

Mit Ausstellungen unter anderem auf der Museumsinsel hombroich und im Projekt still life (2009) in Sankt Petri in Lübeck fanden diese Arbeiten ihren Weg an die Öffentlichkeit. Dabei wählt Formalhaut drei künstlerische Formen um das gleiche Thema zum Ausdruck zu bringen: Zum einen sind es Zeltbilder aus dünnen häuten, die Raum umschließen, dann als zweites zarte Raumgebilde, die zuerst in kleinen Tischmodellen aus Pappstreifen entwickelt und dann um ein Vielfaches vergrößert realisiert werden; Spiralformen und Konstruktionen, die sich in den Raum nach oben drehen und dabei selber Raum definieren, als wären sie Werke des russischen Konstruktivisten Wladimir Tatlin – nur geht es hier nicht um Konstruktion und die menschliche Gesellschaft sondern den im Gebilde eingeschriebenen Raum.

„Immer wieder kreist das Bewusstsein um den Raum und die Frage wie man dem Gefäß zu Schönheit verhilft. Eine Form ist nur schön, wenn sie konstruktiv stimmig ist.“

„Der größte Raum aber, das ist doch das All.“

Plattgedrückt werden einige Konstruktionen von Formalhaut unter Glas präsentiert („collapsed vessels“), als wären es exotische Exemplare einer Insektensammlung. Als drittes beschäftigt sich Formalhaut auch mit großformatigen Fotoarbeiten, in denen menschenleere Orte in totaler Dunkelheit mit extremer Langzeitbelichtung fotografiert werden – dabei zeichnen die beiden Architekten mit Taschenlampen Schriftzeichen oder Formen in den Raum, der dann als gleißende Lichtspur auf der Fotografie sichtbar wird. Nach zwanzig Minuten Belichtungszeit sind auf dem Bild alle Details scharf abgebildet. Wie bei all-round (2007) dem Projekt im Wolfe Creek Crater in Australien: Der aus der Bodenperspektive kaum als solches erkennbare Meteoriten-Einschlagskrater mit 800 Metern Durchmesser wird hier sichtbar gemacht.

„Schönheit, das ist für uns ein enorm wichtiger Begriff. Eine Landschaft, vom Menschen völlig unberührt, kann als wunderschön empfunden werden. Wie viel Anstrengung muss der Mensch aufwenden, um die von ihm geschaffene Architektur in den Zustand der Schönheit zu versetzen?

“Die einzige menschliche Spur auf den Fotos sind die Lichtringe, die auf der Fotografie eingezeichnet sind, indem Götz Stöckmann und Gabi Seifert mit jeweils einer Taschenlampe dem inneren Kraterrand in zwei unterschiedlichen Kreisen folgten; darüber erhebt sich der Raum des Alls in dem die Sterne ihre Leuchtspuren, die Star-Trails, auf dem Foto eingezeichnet haben. Durch die Erdrotation zeichnen sie sich als helle Linien ab. Die Ränder der Raumgrenze werden fließend, sie sind auf ein vages Zeichen aus Licht auf der Erde reduziert.

In Joyce’s innocent (2007) schrieben Gabi Seifert und Götz Stöckmann mit Taschenlampen Schriftzeichen in die endlose Landschaft der Tanami-Wüste: „… they lived und loved ant laughed end left …“ aus Finnegan’s Wake in alle vier himmelsrichtungen. Ein Spiel mit Worten als Symbol für Aufstieg und Vergehen menschlichen Seins und menschlicher Kultur. So werden verborgene Botschaften erkennbar und quasi nebenbei Landschaftsspuren nachgezeichnet. Raum entsteht und wird spürbar – selbst in der weiten, menschenleeren und völlig ebenen Landschaft, die scheinbar das Gegenteil von Architektur ist.

„Nomaden haben keine Räume gebaut. In der endlosen Weite gab es keine Besiedelung, bis vielleicht auf vereinzelte Gefäße wie Ameisenhügel, die Wohngefäße für Insekten sind.“

Bei ihrer Suche nach dem Raum an den Grenzen des Raums und seiner innewohnenden Schönheit haben die beiden Raumforscher keine Berührungsängste, sich mit einem maximal erweiterten Raumbegriff auseinanderzusetzen. Für sie sind es die physischen Raumgrenzen, von denen sie sagen, dass wir sie als schön empfinden. Und sie stellen die Frage, ob die Schönheit eines Raums aus der Weite seiner Leere stammt. Raum und Raumgrenze sind für Formalhaut zentrale, unmittelbare Erfahrungen.

Damit berühren ihre gegenwärtigen Arbeiten auch wieder den Ausgangspunkt, der mit dem Kuhprojekt 1985 begonnen hat. Stets bespielen die Projekte von Formalhaut den Landschaftsraum, es sind Orte außerhalb urbaner Zonen, wie die Mittelgebirgslandschaft hessens oder das Living-room-Projekt in Gelnhausen. Oder eben der australische Outback.

„Der Raum ist ein Glaube, er ist ein Glaube, eine Theorie, niemand weiß wie der Raum wirklich zusammenhängt. Bei der Forschung im CERN in Genf wird über den Näherungsversuch an die Wirklichkeit geforscht. Es ist ein Modell einer Realität. Und da ist die Brücke zur Kunst – auch die Kunst ist schließlich nur ein Modell von Realität. Da versuchen wir uns Stück für Stück voranzukämpfen.“

„Da kratzen wir ein bisschen an der Oberfläche mit unserer Arbeit, Raum und Schönheit wieder zusammenführen.“

 

Fabian Lange, Architekt, Journalist und Autor, schreibt zusammen mit seinem Bruder für die „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“ sowie „Die Zeit“.