HAUSMEISTER | 19 / 2015

Jakub Szczesny

RAUM.

HAUSMEISTER | 19 / 2015

Jakub Szczesny

RAUM.

Poetische Umwandlung durch eine interaktive Lichtskulptur. Foto: Jakub Szczesny

RAUM. Ein Wort, das in seiner Bedeutung die Unendlichkeit des Weltalls ebenso umfasst wie ein Zimmer oder einfach nur eine Lücke zwischen zwei Objekten. Für den polnischen Architekten Jakub Szczesny ist dieses begriffliche Spannungsfeld auch ein architektonisches. Geladen zwischen Plus und Minus ergibt sich daraus eine Beziehung, die mit menschlichem Leben gefüllt wird. Und das ist weitaus mehr als „Architektur“ im eigentlichen Sinne, denn der polnische Architekt rührt damit an den Nerv dessen, was die Seele von „Raum“ ausmacht.

Der „Raum“ war schon vorher dort, aber erst in seiner Sichtbarmachung im Dunkeln wird seine Ästhetik erkennbar.

Man nehme eine Hochstraße in Warschau, die auf Betonstelzen geführt wird und die mit der aufgeständerten Fahrbahn einen hässlichen städtischen Unraum bildet, der im Dunkeln furchteinflößend ist – und der ausgerechnet als Weg zu einem Kindergarten genutzt wird. Klar, man könnte einfach ein paar Leuchten aufstellen und fertig ist die Lösung. Jakub Szczesny jedoch erkennt das räumliche Potenzial und macht aus dem Unort ein poetisches Spielfeld, indem er einhundert Leuchtstofflampen in sechs parallelen Reihen installieren lässt, die in den Farben Rot, Gelb und Grün leuchten. Gesteuert werden sie über Sensoren, die auf die Bewegung der Menschen reagieren, die die Unterführung kreuzen und die Lichtinstallation in Gang setzen. Auf diese Weise wird nicht nur ein städtebauliches Problem gelöst, sondern ein eigener Raum mit einer kathedralen Poesie geschaffen, der erst durch die Menschen entsteht, die sich in diesem Raum bewegen. Der „Raum“ war schon vorher dort, aber erst in seiner Sichtbarmachung im Dunkeln wird seine Ästhetik erkennbar.

Polens Architekturszene ist im Wandel – immer deutlicher wird, wie die „subkulturelle“ Eroberung des Raums durch innovative Konzepte dabei neue Bilder schafft, Zugänge zu Aktivitätsräumen von Menschen öffnet, jenseits der ubiquitären, glattpolierten Investorenarchitektur. Eben dort, wo das wahre Leben stattfindet. Jakub Szczesny ist einer der wichtigsten Protagonisten dieser neuen Generation von Planern, die ihre Inspirationen nicht am Schreibtisch finden, sondern oft genug in der behutsamen Adaption des Vorgefundenen. Denn wenn die Qualität des Raums bereits exzellent ist, dann kann ein Planer mehr zerstören als Neues schaffen. Die ehemalige Bahnstation Warszawa Powisle ist so ein Beispiel, das Jakub Szczesny 2009 umgebaut hat. Eigentlich sieht das Gebäude aus wie vorher, aber genau das ist der Wert, den der Warschauer Architekt geschaffen hat.

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Neuinszenierung der alten Bahnstation Powisle. Foto: Jakub Szczesny

Das Team Arseniusz Romanowicz und Piotr Szymaniak hat zwischen 1954–1963 diesen Pavillon geschaffen, ganz jenseits des damals gerade noch gefeierten „Zuckerbäckerstils“ mit seinem imperialen Gestus. Nein, dieser Pavillon ist ein Entwurf auf der Höhe seiner Zeit, mit einem eleganten, weit auskragenden, äußerst filigranen Betondach. Mit wenigen „Handgriffen“, so scheint es, wurde aus dem ehemaligen Fahrkarten-Verkaufsraum ein Café, das mit seiner leichten Struktur, den großen Fenstern und der spielerisch in den abfallenden Hang integrierten Positionierung eine Zeitreise in die 1950er und zurück macht. Die Baustruktur wurde dabei fast vollständig übernommen und nur neuen Funktionen zugeführt. Die Rekonstruktion der Baustruktur findet ihren augenzwinkernden Höhepunkt in der schrägen Neonschrift, die zwar neu installiert wurde, dessen Buchstaben aber weiterhin schief auf dem Dach stehen – so als würden sie auf der Betonkante tanzen. Raum schaffen bedeutet eben auch Raum erhalten, der sich in den Köpfen unzähliger Passanten eingeprägt hat und dessen Verschwinden auch einen großen, immateriellen Verlust darstellen kann.

Es ist ein alter Traum der Architekten, einen mobilen Raum zu entwickeln, der mit ein paar Handgriffen in Form gebracht werden kann oder eine leichte Hülle vor den Witterungseinflüssen schafft. Jakub Szczesny experimentiert mit einer Reihe von Werkstoffen und Formen, um dieser Idee in der Wirklichkeit nahe zu kommen – darunter unter anderem mit textilem Beton, der in Form eines Scherengitters auseinander gezogen werden kann, befeuchtet wird und schließlich ausgehärtet eine stabile Form annimmt. Zwei Strukturen hat Jakub Szczesny auf diese Weise geschaffen – eine kleinere im Hof des Schlosses Solitude in Stuttgart, und eine doppelt so große im Zentrum für zeitgenössische Kunst im Hof des Schlosses Ujazdowski. Mit vereinten Kräften gezogen, entstand so ein Raum mit einer netzartigen Struktur. Fernab von jeder Vorhersagbarkeit was sie endgültige Form betrifft, wird sie vielmehr durch den Zufall determiniert, und so entsteht auf diese Weise ein Experimentalraum. Und das kann gutgehen wie in Stuttgart – oder auch nicht – wie in Warschau, wo die raumbildende Netzstruktur nach dem Auseinanderziehen kollabierte.

Das genaue Gegenteil dessen ist der Experimentalraum des Red-Bull-Rooms von 2009 in Warschau – eine pneumatische Raumstruktur auf vergleichbarer Netzkonstruktion, die in aufgeblasenem Zustand ein überaus luftiges und von innen beleuchtetes Raumgewebe kreiert. Ein vergleichbares Raumprinzip ist Jakub Szczesnys Scherengitter-Struktur aus transparenten PVC-Streifen. Sie kann einerseits als Raumteiler und andererseits Regalfläche genutzt werden und erst durch das „Bespielen“ der Menschen, die dort Dinge hineinstellen wie Zeitschriften oder Bücher, wird sie belebt.

Besonderes Aufsehen hat Jakub Szczesny mit seinem Projekt „Haus Keret“ von 2009, dem Jahr des ersten Entwurfs, bis 2012, dem Erbauungsjahr, erlangt. Er selbst definiert es als „Kunst-Installation“ – das hat auch handfeste rechtliche Gründe, denn es ist nichts weniger als das wahrscheinlich schmalste Haus der Welt. Und es erhebt sich, nein, es ist vielmehr eingeklemmt zwischen zwei bestehenden Gebäuden an einer besonderen Stelle, an der sich das jüdische Ghetto befand.

Jakub Szczesny schreibt dazu in einem Comicstrip: „Alles begann eines Nachmittags, als ich über eine merkwürdige Lücke gestolpert bin, genau zwischen einem Nachkriegs-Plattenbau und einem ehemals jüdischen Vorkriegsmietshaus. Diese Nicht-Kommunikation war für mich typisch für Warschau. Also fragte ich mich: ‚Wie kann man diese beiden Gebäude miteinander kommunizieren lassen?’ Indem man einfach Leben hineinbringt!“ Und so entwickelte Jakub Szczesny die Idee, einen Schriftsteller zu finden, einen Einzelgänger, der verrückt genug ist, sich auf das Experiment einzulassen. „Jemanden, der auch Humor hat, am besten einen jüdischen Autoren, denn fast an dieser Stelle wurde das sogenannte ‚große Ghetto‘ und das ‚kleine Ghetto‘ durch eine Straße geteilt.“ So entstand aus einer spontanen Idee eine Baulücke mit maximal 152 cm und minimal 92 cm Breite eine der inspirierendsten Interpretationen moderner Architektur, die auf eigene Weise das Thema der Brücke behandelt, dessen Abbild sich längst unauslöschlich auf der imaginären Netzhaut der Menschheit als ewiges ikonographisches Symbol der Unmenschlichkeit eingebrannt hat.

Das Haus wurde aus einer leichten Stahlkonstruktion errichtet und mit allen Funktionselementen ausgestattet, vom Kleiderbügel bis zum Kühlschrank. Die absurde Schmalheit des Gebäudes erzwang auch die besondere Form der Möblierung – die letzte Stufe des Treppenhauses dient gleichzeitig als Fußmatte und der Minikühlschrank kann nur ein paar Getränke enthalten. Das Bad ähnelt einem solchen aus dem Wohnmobil, es gibt ein Miniaturbett und eine ultraschmale Küchenzeile. Patron des Projektes ist Etgar Keret, israelischer Schriftsteller und Drehbuchautor, dessen Mutter als Kind ins Ghetto deportiert wurde und dessen Eltern sich später in Warschau kennengelernt hatten. Er ist Kurator des Hauses und lädt andere Künstler nach Warschau ein, um das unmögliche Haus mit künstlerischen Impulsen zu beleben. „Herausforderung“ ist das wichtigste Stichwort bei der Planung: Im Untergrund liegen Fernheizungsrohre, die nicht überbaut werden durften; dann musste Jakub Szczesny Wege finden, die klaustrophobische Wirkung des Innenraums zu minimieren und die Versorgungsleitungen unauffällig zu verlegen. Um die Bedingungen des Baugesetzes zu umgehen, fand Szczesny flexible Partner in der Stadtverwaltung, die bereit waren, das unmögliche Haus als temporäre „Kunstinstallation“ zu klassifizieren. Und so gab es am Ende sogar einen dreißigprozentigen Zuschuss von der Stadt Warschau – schließlich wurde nach drei Jahren Finanzierungsphase und mit der Hilfe zahlreicher privater Sponsoren das Keret-Haus Wirklichkeit. Doch der wichtigste Effekt war für Jakub Szczesny ein anderer: „Die Sponsoren konnten bereits durch ihre Unterschrift unter den Spendenvertrag oder durch ihre immaterielle Unterstützung zu sich selbst sagen: ‚Ich denke, das Ganze ist eine komplette Utopie. Aber vielleicht hat es so ja die Chance, ein Stückchen mehr Wirklichkeit zu werden.‘ Und genau das ist am Ende ja auch eingetreten.“

Text: Fabian Lange