HAUSMEISTER | 20 / 2016

Konzepte wider die Widrigkeiten

Das Architekturbüro schneider + schumacher

HAUSMEISTER | 20 / 2016

Konzepte wider die Widrigkeiten

Das Architekturbüro schneider + schumacher

Mit dem Erweiterungsbau des Städel Museums unter die Erde zu gehen, war eine selbstbewusste und originelle Lösung, die den Neubau in die Identität und Geschichte des gesamten Komplexes einbettet. Foto: Norbert Minguletz

„An der Frankfurter Städelschule haben wir beide damals mit dem rein konzeptionellen Entwerfen bei Peter Cook den entscheidenden Impuls erhalten“, erzählt Michael Schumacher. Hier kam ihm und Till Schneider auch die Idee, künftig zusammenzuarbeiten. 1988 gründeten sie in Frankfurt ihr Büro, das heute auch Niederlassungen in Wien und im chinesischen Tianjin unterhält – und zu den bedeutendsten deutschen Architekturbüros der jüngeren Generation zählt.

Schumacher erinnert sich amüsiert an das erste Projekt: „Es ging um ein altes Fabrikgebäude, auf das wir ein großes, viertelförmiges Tonnendach draufsetzten. Es gab gleich Ärger mit dem Bauamt und unser erstes Baustellenverbot. Das Gebäude steht aber noch heute.“ Dem holprigen Beginn folgte der stetige Aufstieg der jungen Wahl- Frankfurter, den Schumacher auch dezidiert an diesem Standort festmacht. Er hatte zuvor in London bei Foster + Partners gearbeitet. „Ich hätte dort bleiben können, merkte aber, dass ich in England nicht weit komme, weil es da viel engere gesellschaftliche Grenzen gibt. Dort war ich die Provinzpomeranze. Frankfurt ist viel offener. Hier konnten wir als „Eingeplackte“ – so nennt man hier die Zugezogenen – unser eigenes Büro eröffnen. Hier war das möglich.“

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Die konzeptionelle Auslegung und die verwendete Haustechnik machen die Erweiterung des Städel Museums zu einem in jeder Beziehung nachhaltigen Museumsbau. Foto: Norbert Minguletz

Ich finde die Light + Building inspirierend und besuche sie immer – und natürlich auch die ISH. Mit dem Thema Licht setze ich mich als Architekt vielleicht lustvoller auseinander als beispielsweise mit der Klimatechnik. Aber beides ist wichtig, und die Messen sind die beste Möglichkeit, sich auf dem Laufenden zu halten.

Mitte der 90er-Jahre kam der Durchbruch in der öffentlichen Wahrnehmung. Die Stadt Berlin war nach der Wiedervereinigung politisch unter Druck geraten, weil sie die Flächen am Potsdamer Platz zu günstig an Großinvestoren veräußert hatte. So entstand die Idee eines temporären Informationspavillons an der größten Baustelle Europas. Es wurden fünf „jüngere“ Architekturbüros zum Wettbewerb eingeladen – darunter schneider + schumacher. „Ich bin damals mit dem Moped zum Bahnhof gerast und habe gerade noch den Zug nach Berlin erwischt, um dort unsere rote Info-Box zu präsentieren.“ Der Entwurf holte prompt den ersten Preis. Übrigens nicht, weil er die Architektenjury überzeugte – sondern die Investoren. „Die Architekten wollten eine Art Zelt, wir hatten jedoch etwas ganz anderes gemacht, eine veritable Architektur, die sehr spezifisch auf diesen Ort – das war ja mitten im ehemaligen Todesstreifen – reagierte.“ Die Stimmung der Investoren war zunächst dennoch eher lustlos, weil sie viel Geld in ein Projekt stecken mussten, von dem man sich gerade mal 300 Besucher pro Tag erhoffte. Als sich dann in der Ausschreibungsphase zeigte, dass der Kostenrahmen um rund 400.000 Mark gesprengt wurde, geriet das Projekt in die Krise. Am Ende wurde die Aussichtsplattform auf dem Dach eingespart. So wurde die Info-Box fertig gestellt – und erwies sich in kürzester Zeit als absoluter Publikumsmagnet. Statt der geschätzten 300 kamen bis zu 12.000 Besucher pro Tag. An der Info-Box wurden Events veranstaltet und Hochzeiten gefeiert. Sie avancierte zum architektonischen Symbol der deutschen Wiedervereinigung schlechthin. Und immer wieder kam die bohrende Frage: Wo geht’s denn eigentlich zur Dachterrasse? Nach wenigen Monaten wurde sie nachträglich installiert. Als Krönung erhielt die Info-Box den Deutschen Stahlbaupreis.

Ebenso bedeutend war aus Schumachers Sicht in dieser Zeit das J. Walter Thompson- Haus in Frankfurt mit seiner hängenden Glasfassade und dem fortschrittlichen Energiekonzept sowie das bekannte und beliebte KPMG-Gebäude in Leipzig. Später folgten weitere Leuchtturm-Projekte, vor allem im Bereich Bürobau. Mit den Anschlägen vom 11. September 2001 kam es im Kerngeschäft von schneider + schumacher zu einer schmerzlichen Zäsur. Der Bürobau kam zum Erliegen und das Unternehmen musste sich verkleinern. Das Büro wurde neu strukturiert. Die damalige Aufteilung in verschiedene Kompetenzbereiche erweist sich bis heute als entscheidender Erfolgsfaktor. Die Bau- und Projektmanagement Gesellschaft von schneider + schumacher wird auch von anderen Architekten gerne genutzt.

Michael Schumacher kommt schließlich auf ein weiteres Herzensprojekt, die Erweiterung des Städel Museums in Frankfurt, zu sprechen schneider + schumacher waren bereits in die Vorbereitung des Wettbewerbs involviert. „Unser großes Manko – oder unser Vorteil: Wir hatten sofort erkannt, dass man mit dem Bau idealerweise unter den Garten gehen müsste, und Museumsdirektor Hollein lehnte das kategorisch ab. Er wollte natürlich eine ikonografische Wirkung. Er wollte sagen können: Wir haben das Neue Städel gebaut! Und nicht: Wir haben ein neues Kellergeschoss.“ Hinzu kam, dass die Frankfurter Architekten sich im Wettbewerb „als die Lokalmatadoren“ einer übermächtigen internationalen Konkurrenz gegenübersahen. Doch die Against-all-odds- Situation hat ihren Ehrgeiz nur noch befeuert. Im mühsamen Hin und Her zwischen Der-will-nicht-unter-die-Erde und Es-gibt-keine-bessere-Lösung entstand die sanfte Kuppel mit den runden Öffnungen – der Siegerentwurf, dem auch in der Öffentlichkeit eine Begeisterung entgegenschlug, wie sie moderner Architektur eher selten widerfährt. Der Rest ist Geschichte.

Eines der jüngeren, spektakulären Projekte der Frankfurter ist die Autobahnkirche Siegerland. Auch hier waren es die Widrigkeiten, die den Entwurf beflügelten: „Hier ging es nicht um die Luxusvilla am Comer See, wo man schon beim Anblick des Grundstücks dahinschmilzt. Im Gegenteil: Ein absoluter Un-Ort. Da steht so ein Hotel, auf dem in riesigen Buchstaben „Hotel“ steht, eine Autowaschanlage und dann noch so ein Burger-King-Pylon. All das kommuniziert mit dem Holzhammer.“ Auf der Rückfahrt von der Ortsbesichtigung kam der entscheidende konzeptionelle Gedanke, diesen Ort mit seinen eigenen Waffen zu schlagen. Das profane Autobahnkirchenpiktogramm stand Pate bei der Formgebung des rätselhaften Baukörpers – im Inneren entfaltet sich eine ganz andere, sakrale Realität.

Zuletzt konnten schneider + schumacher mit bb22 Architekten den Wettbewerb zur Bebauung des „Hafenkais“ am Mainzer Zollhafen für sich entscheiden. Der ikonografische Entwurf „DOXX“ wurde von der Jury wegen seiner Landmark-Wirkung und seiner ungewöhnlichen Mischung aus Wohnarchitektur und öffentlicher Nutzung zur Umsetzung empfohlen. „Unsere Art zu entwerfen geht noch immer auf die Zeit am Städel zurück. Es geht um eine Entwurfsstrategie, die eine gewisse Eigendynamik entwickelt und viel mehr ist als der persönliche Streich eines Genies. Die Genialität liegt in der Strategie. Und die lässt sich mit einem guten Planungsteam und Spezialisten der Fachplanung gemeinsam entwickeln.“ So umschreibt Michael Schumacher das Rezept von schneider+schumacher. Die vielen Erfolge – wider alle Widrigkeiten – geben ihm Recht.

 

Autor: Michael Neser