FOKUS | 17 / 2013

Reinhard Müller, Vorstand der EUREF AG - Interview

Outlook sprach mit Reinhard Müller über den EUREF-Campus

Gibt es Projekte in Europa oder anderen Teilen der Welt, die für den EUREF-Campus Pate standen?

Nicht in dieser Form. Wir haben uns intensiv umgeschaut. Jedoch gibt es in erster Linie LEED-zertifizierte Gebäude oder sehr ambitionierte, aber abstrakte kommunale Ziele zum Aufbau von Green Cities. Den Ansatz einer ökologisch nachhaltigen Quartiersentwicklung in übersichtlicher Größe als gelebtes Beispiel der praktizierten Energiewende haben wir bei unseren Recherchen nicht gefunden. Hier dürfte der EUREF-Campus in Europa einmalig sein.

Der EUREF-Campus entsteht auf einem ehemaligen Industriegelände, das durch Kontaminierungen und den Denkmalschutz durchaus Einschränkungen unterliegt. Wäre so ein Projekt nicht „auf der grünen Wiese“ einfacher zu realisieren?

Vielleicht einfacher, aber mit weniger Möglichkeiten. Auf den Berliner Gasometer in Schöneberg bin ich eher zufällig aufmerksam geworden, als die GASAG das Areal zum Verkauf anbot. Das Potenzial dieses Standortes hat sich mir schnell erschlossen: seine Nähe zum Zentrum und zur Stadtautobahn, die Signalwirkung des Gasometers und die vorhandenen Freiflächen waren ausschlaggebend für die Entscheidung des Standortes. Dass um dieses Gelände herum eine vielversprechende Struktur mit beliebten Wohnkiezen, sehenswerten Plätzen, Gebäuden, Einkaufsstraßen  und hervorragenden Kultur- und Bildungsangeboten vorhanden ist, bestärkte mich in meiner Entscheidung für dieses Gebiet. Selbstverständlich trägt auch der ehemalige Flughafen Tempelhof mit seinen vielfältigen Möglichkeiten für Freizeitaktivitäten und Events zur Attraktivität bei.

Ich hatte die Vision, dort, wo früher die Gasversorgung für den Süden Berlins stattfand, ein intelligentes Stadtquartier, das sich völlig autark und CO2-neutral versorgt, zu entwickeln. Einen Standort für regenerative und dezentral erzeugte Primärenergie, gepaart mit der Symbolkraft des Gasometers.

Wird der EUREF-Campus nach Fertigstellung Vorbild für die „Stadt von morgen“ sein oder doch eher für das Quartier der Zukunft?

Auf dem EUREF-Campus entwickeln wir die Stadt der Zukunft schon heute. Hierzu gehört insbesondere die Erprobung CO2 reduzierender Energiekonzepte für Strom, Wärme und Kälte. Der EUREF-Campus widmet sich den Themenschwerpunkten urbane Mobilität, Energieeffizienz, Energie- und Versorgungsinfrastruktur, Stadtentwicklung und nachhaltige Gebäudetechnik und Architektur.

Das Thema Green Cities wird immer bedeutender, jedoch bedarf es überschaubarer Quartiere, um im Großen eine Stadt zu verändern. Dies geht nicht abstrakt und von oben nach unten.  Der EUREF-Campus möchte hierfür ein Praxisbeispiel sein; denn die notwendigen Technologien sind alle vorhanden, man muss sie nur einsetzen.

Der Umsetzungsprozess des EUREF-Campus hat ja sicher schon viele neue Erkenntnisse gebracht, die wiederum in die weitere Entwicklung einfließen. Können Sie uns ein paar Beispiele nennen?

Das Besondere ist die Verknüpfung von Technologie, Architektur und Infrastruktur hier auf dem EUREF-Campus. Hier wird erprobt und geforscht. Wir nutzen Techniken, über die anderswo nur geredet wird: ein intelligentes Stromnetz etwa, das exakt erfasst, wie viel Strom die Bewohner gerade verbrauchen und zugleich die Nachfrage der Haushalte an das Energieangebot anpasst. Dieses System speist sich aus den unterschiedlichsten Quellen. Solarflächen, Windräder und Biogas liefern ihren Beitrag, bald werden Geothermie und die Umwandlung von regenerativem Strom in warmes Wasser in großen Tanks, dies nennt man „Power to Heat“, hinzukommen. Schon jetzt erzeugt der EUREF-Campus an manchen Stunden mehr Energie, als seine Bewohner verbrauchen. Es zeigt, wie Architekten und Stadtplaner künftig in Netzwerken denken müssen – Netzwerke aus Stromproduzenten, Verbrauchern und Energiespeichern.

Es gibt auch viel Kritik am EUREF-Campus, Zitat: „Ein Luftschloss löst sich in seine Bestandteile auf.“ Es gibt auch viel Kritik am EUREF-Campus. Ihnen wird vorgeworfen, Ihr öffentlich vorgetragener Anspruch sei höher als das, was tatsächlich realisiert wird. Zitat: „Ein Luftschloss löst sich in seine Bestandteile auf”. Was sagen Sie dazu?

Diese Kritik gab es am Anfang, als wir noch nichts zum Anfassen hatten. Jetzt haben wir Gebäude saniert, einen voll vermieteten Neubau, das erste Micro Smart Grid in Berlin, Berlins größte Erprobungsplattform für Elektromobilität, eine eigene Universität in Kooperation mit der TU Berlin, zahlreiche Forschungseinrichtungen, ein eigenes Startup-Zentrum und mehr als 1.300 Arbeitsplätze auf dem Campus. Im Jahr 2008 waren es kaum mehr als 100 Arbeitsplätze. Die zwischendurch entstandene Kritik kam in der Regel von Personen, die nicht wissen, wie lange die Abstimmung eines städtebaulichen Vertrages, Altlastensanierung und ein Bebauungsplanverfahren dauern. Wir waren stets im Zeitplan und aus meiner Perspektive ist die Kritik auch verstummt. Alles, was ich mir für das Gelände vorgestellt habe, ist auch so gekommen und es wird mit neuen Energiekonzepten und Neubauten weitergehen.

Können Sie sich vorstellen, nach Abschluss des Projekts ein ähnliches anderswo zu realisieren?

Erst einmal haben wir hier noch genug zu tun. Was wir danach machen, weiß ich noch nicht. Vielleicht bleibe ich ja auch als Campus-Manager die gute Seele vom EUREF-Campus.