HAUSMEISTER | 18 / 2014

Tomás Saraceno – Teil 1

Konstruktionen gegen die Diktatur der Schwerkraft

HAUSMEISTER | 18 / 2014

Tomás Saraceno – Teil 1

Konstruktionen gegen die Diktatur der Schwerkraft

„Jetzt will ich euch sagen, wie Ottavia beschaffen ist, die Spinnennetz-Stadt. Man läuft über die Holzplanken und gibt acht, dass man den Fuß nicht in die Zwischenräume setzt, oder man hält sich an den Netzmaschen aus Hanf fest“, schreibt Italo Calvino in seinem imaginären Reisebericht „Die unsichtbaren Städte“ aus dem Jahr 1972, in dem er Marco Polo dem alternden Kublai Khan über seine Reisen Bericht erstatten lässt: „Unten ist Hunderte und Hunderte von Metern nichts. Ein paar Wolken ziehen dahin. Die Grundlage der Stadt: ein Netz, das als Passage und Halt dient“, fährt der vermeintliche Marco Polo alias Italo Calvino fort in seiner Beschreibung der fünften Gruppe von Städten. Nur eine Utopie. Ein phantasmagorischer Traum. Oder etwa nicht?

Im Düsseldorfer K21, der Kunstsammlung NRW, wird aus der Utopie Wirklichkeit: Der erste Schritt lässt selbst den Waghalsigen das Herz in die Hose rutschen – der federnde, leise schwingende Tritt führt auf ein straffes, dünnes Netz – darunter breitet sich das NICHTS aus – fünfzehn, zwanzig Meter geht es haltlos in die Tiefe. Das Gefühl, auf dem straff gespannten Netz zu laufen, ist eine furiose Mischung aus Erhabenheit und Furcht, Kopf und Bauch wetteifern um die Oberhand, Fluchtreflex oder Neugierde – du musst dich entscheiden! Bis zu zehn Personen dürfen die Installation gleichzeitig betreten – gerade die Wechselwirkung der dadurch ausgelösten Bewegungen beeinflusst die Wahrnehmung der Besucher. Und mit jedem weiteren Meter, den du auf diesem Netz voranschreitest, wirst du zum Entdecker eines dir unbekannten, schwebenden Raums. Ein Raum als Zustand, DEIN Raum, der vor deinem inneren Auge entsteht, das so wichtig ist wie das äußere Auge, mit dem du siehst.

Mit seiner grandiosen Wolkenstadt aus in zwei Etagen gespannten Stahlnetzen, die durchsichtige Kugeln mit verschiedenen Durchmessern einspannen und auseinanderhalten, hat Tomás Saraceno in Düsseldorf die Tür aufgestoßen in die nächste Dimension jenseits der Schwerkraft: „In Orbit“ heißt sie und ist das neueste Werk des aus Argentinien stammenden Künstlers. Und Architekten. Und Grenzgängers. Üblicherweise ist Zeichenpapier der Werkstoff jener Architekten, die in Utopia arbeiten. Doch Tomás Saraceno hat es gegen feine Stahlseile getauscht, die die Netze bilden, aus denen er den U-Topos in die Realität holt – ein luftiges Leben im Schweben jenseits der Gesetze der Schwerkraft.

Diese Gesetzmäßigkeiten hat er auf seine Weise einfach so aufgehoben und ein Reich erobert, das bislang dem Kopfkino vorbehalten war. Jahrhundertelang musste die Menschheit von besseren Orten träumen, die Humanisten wie Thomas Morus in seiner „Utopia“ gedanklich erschufen – und irgendwann von den ersten Renaissance-Architekten als Idealstädte näherungsweise ins Werk gesetzt wurden. Es begann die lange Traditionslinie utopischer Architektur, die bis heute andauert: Nicholas Ledoux, der als Revolutionsarchitekt als erster den Kosmos in die Architektur holte; dann im 20. Jahrhundert die Gläserne Kette, die die Grenzen zwischen Natur und Architektur aufheben wollte; die radikalen russischen Revolutionsarchitekten wie Tatlin; die aufregenden Impulse aus der Phase der Pop-Art und die Realität gewordenen Visionen eines Buckminster Fuller. Dann das Projekt „Oase No. 7“ bei dem Haus-Rucker Co ihre Installation auf der Documenta V am Fridericianum ausstellten: eine künstliche Mikrowelt, die als begehbare gläserne Kugel aus dem barocken Gebäude ragte. Im Innern streckten sich zwei Palmen in den Himmel, als wären es die letzten reinen Zufluchtsorte einer durch Umweltschmutz zerstörten Lebenswelt. Oder aber Raumschiffe, die wie Seifenblasen kurz davor sind, ins All zu entschweben. Und natürlich die in den 1960er/1970er Jahren entstandenen Pop-Art-Visionen von ARCHIGRAM mit ihren wandelnden Städten als selbstständigen Organismen, die aus unzähligen Zellen bestehen, in denen Menschen leben würden.

Tomás Saracenos Welten schließen sich da an (kein Wunder, hat er doch bei Peter Cook an der Städelschule in Frankfurt am Main studiert) und reichen gleichzeitig weit darüber hinaus: Ihre Wirklichkeiten gehorchen eigenen Gesetzmäßigkeiten, er schafft eine neue, eine gerechte Welt, die die Diktatur der Schwerkraft endlich besiegt hat und uns die Möglichkeit bietet, wahrhaft frei zu sein. Doch das passiert nicht einfach so – die technischen Herausforderungen sind immens, schließlich betritt Saraceno hier totales Neuland. Für das Projekt im K21 gab es kein Computerprogramm und kein Ingenieur konnte das Verhalten des Netzes vorhersagen und die Kräfte berechnen, die vom Netz auf das Gebäude übertragen werden, an das es montiert ist. „Unsere Schlussfolgerung war, dass ein Modell im Maßstab eins zu eins am kostengünstigsten wäre, um die realen Kräfte zu testen“, berichtet Tomás Saraceno. Und in der Tat ist es erstaunlich zu erleben, wie der Raum durch die Benutzer auf den beiden Netz-Ebenen geformt und unaufhörlich verändert wird. Erst mit den Menschen, die auf den Netzen laufen und liegen, kann die Installation von unten in ihrer Funktion wahrgenommen werden – die Benutzer lassen ihn zu dem werden, was er ist: sichtbarer Raum.

2006 hat Tomás Saraceno in Sudeley Castle in Großbritannien die Installation „Flying Garden“ ausgestellt – im weitläufigen Garten der Schlossanlage ließ er heliumgefüllte transparente Ballons aufsteigen, die von Moosflechten besiedelt wurden und als Vorboten einer kommenden Welt aus fliegenden Städten zu verstehen sind. Doch diesen und weiteren Makrostrukturen wie der von 2011 im Hamburger Bahnhof in Berlin und eben der von 2013 in Düsseldorf, steht bei Saraceno eine ganz eigene Mikrowelt gegenüber. In ihnen forscht er seit 2009 mit gleicher Akribie und sucht nach Erkenntnissen, die viele Disziplinen überblenden und vereinen: es ist die Welt der Spinnen – oder, genauer gesagt, die der Spinnennetze. Saracenos Studio in Berlin gleicht phasenweise einer großen Ansammlung von Insektarien, in denen er die unterschiedlichsten Spinnen hält. „Wir haben zur Zeit alle Hände voll zu tun, uns um das Wohlergehen der Spinnen zu kümmern. Fliegen kaufen, die Spinnen füttern, ihnen optimale Lebensbedingungen schaffen und die richtigen Raumtemperaturen bieten. Die meisten stammen aus den Tropen und brauchen es entsprechend warm.“ Die Spinnen, die er in seinem Atelier hält, danken es dem Team von Tomás Saraceno mit faszinierenden Konstruktionen.

 

Fortsetzung in Teil 2