HAUSMEISTER | 18 / 2014

Tomás Saraceno – Teil 2

Konstruktionen gegen die Diktatur der Schwerkraft

HAUSMEISTER | 18 / 2014

Tomás Saraceno – Teil 2

Konstruktionen gegen die Diktatur der Schwerkraft

Fortsetzung von Teil 1

 

Ein Netz, das als Passage und Halt dient

Die bilden nicht nur Spinnen, die als einzelne Individuen leben, sondern auch Spinnenarten, die in sozialen Verbänden leben – manchmal als Kolonien mit bis zu mehreren zehntausend Exemplaren, die gemeinsame Sache machen: Netze weben, Opfer fangen, gemeinsam erlegen und auf den Nachwuchs aufpassen. In Saracenos Studio bauen sie ihre architektonischen Kunstwerke zwischen Metallgestelle. „Manchmal drehen wir sie herum und schauen, wie die Spinnen dann weitermachen“, beschreibt Tomas Saraceno seine Strategie. Und er lässt auch Misch-Netze bauen, indem er eine Spinnenart herausnimmt und eine andere einsetzt. „Das ist dann so, als würde ich in Ihre Wohnung ziehen und alle Möbel umrücken“, sagt Saraceno lachend. So entstehen Misch-Netze, faszinierende Raumgebilde, die in der Tat an seine eigenen Konstruktionen erinnern. Die faszinierend fein gesponnenen Netzwelten werden in abgedunkelten Räumen ausgestellt und in von unten beleuchtete Vitrinen präsentiert.

Eine ins Überdimensionale vergrößerte (Spinnen)-Netzkonstruktion hat Tomas Saraceno 2009 auf der Biennale in Venedig mit horrendem Aufwand nachgebildet: „Galaxies Forming along Filaments, Like Droplets along the Strands of a Spider’s Web“. Die Besucher konnten den Raum nur durchqueren, wenn sie über die unzähligen Gummifäden stiegen, die zwischen den kugelartigen Nestern, raumbildenden „Galaxien“ aus dem gleichen Material gespannt waren – so wurde der Betrachter zum Wanderer zwischen den Welten.

Bei seiner Arbeit mit den Spinnen, die er als kreative Quelle seiner Installationen nutzt, kooperiert er mit dem Arachnologen Peter Jäger von der Senckenberg Gesellschaft, mit dem er im Senckenberg-Naturkundemuseum auch eine Ausstellung plant. Er hat die fragilen Netze an der TU Darmstadt gescannt und auf diese Weise zum ersten Mal in der Geschichte der Wissenschaft dreidimensionale Digitalisierungen von komplexen Spinnennetzen geschaffen. Besonders das Wachstum der Netze interessiert ihn dabei, um das Entstehen der Räume zu dokumentieren. Nun hofft Saraceno, dass die Internationale Raumstation ISS ein Forschungsprojekt zum Thema Spinnen in der Schwerelosigkeit startet – eine Petition hierfür hat er schon eingereicht und oszilliert damit zwischen Kunst, Architektur und Wissenschaft. „Ich möchte alles mixen, das ist mein Ziel!“ postuliert er, „Neugierde, Leidenschaft und Enthusiasmus sind meine Antriebsfedern.“ Überhaupt ist der ArchitektenKünstlerWissenschaftler ein Multitalent, das es mittlerweile auf fünf technische Patente gebracht hat, unter anderem für eine „irisierende Folienmembran“ und eine „Thermalhülle für Lighter-than-air-Fahrzeuge“. Hinter all diesen Innovationen besteht immer die Lust am Neuen, am Experiment, an der Grenzüberschreitung und der Realisierung des Undenkbaren.

So wie Italo Calcino in seinen „Unsichtbaren Städten“ über Ottavia schreibt: „Die Grundlage der Stadt: ein Netz, das als Passage und Halt dient. Alles andere hängt unten: Strickleitern, Hängematten, Häuser in Sackform, Kleiderbügel, Terrassen wie Schiffchen, Wasserschläuche, Gashähne, Bratenwender, an Schnüren hängende Körbe, Lastenaufzüge, Duschen, Trapeze und Ringe zum Spielen, Töpfe mit Hängepflanzen. Über dem Abgrund schwebend ist das Leben der Einwohner Ottavias weniger unsicher als in anderen Städten. Sie wissen, dass ihr Netz nicht mehr als ein Bestimmtes trägt.“  Und fürwahr, Tomas Saraceno lädt uns ein, solch undenkbare Welten endlich betreten zu dürfen. Was für ein großzügiges Geschenk.

Studio Tomás Saraceno
Hauptstrasse 11/12
10317 Berlin
T + 49 30 39881180 /-81 /-82

www.tomassaraceno.com

 

Text: Fabian Lange