PEOPLE & PERSPECTIVES | 17 / 2013

werk5 (Hauke Helmer, Gunnar Bloss) - Interview

Outlook im Gespräch mit Hauke Helmer und Gunnar Bloss von werk5 Modellbau Berlin: Warum gute Architektur Modelle braucht.

Herr Helmer, Herr Bloss, Architektur entsteht heute am Rechner. Das Gleiche gilt für die Präsentation geplanter Gebäude mit bestechend realistischen Randerings in High End 3D. Zählen Sie als Modellbauer zu einer aussterbenden Spezies?

Hauke Helmer. Keineswegs. Wir entwerfen und bauen seit 18 Jahren Modelle für Architekturbüros weltweit. Speziell bei Wettbewerben, die häufig auf politischer Ebene und unter Bürgerbeteiligung entschieden werden, braucht es Modelle, die Anschaulichkeit bieten und einen offenen Diskurs ermöglichen.

Gunnar Bloss. Nicht nur bei Wettbewerben. In sämtlichen arabischen und asiatischen Ländern werden Projekte ausschließlich am Modell begutachtet. Es geht ganz einfach darum, am Modell gezeigt zu bekommen, was für ein Haus man kriegen kann. Da muss alles detailgetreu und ganz realistisch vorgeführt werden.

Aber können Computervisualisierungen das nicht viel besser: das geplante Gebäude atmosphärisch und realistisch in Szene setzen? In seinem Umfeld, mit der gesamten Innenausstattung, im Kontext der Tages- und Jahreszeiten. Ein Modell steht doch nur für sich.

Bloss. Man darf nicht vergessen – 3D-Renderings vermitteln zwar den Anschein von Räumlichkeit und Dreidimensionalität. Letztlich sind sie aber nur zweidimensional und maßstabslos. Noch sind unsere Seh- und Wahrnehmungsgewohnheiten nicht so virtuell geschult, als dass sie unser gesamtes räumliches Vorstellungsvermögen ausmachen.

Helmer. Computeranimationen sind attraktiv und beeindruckend, keine Frage. Aber sie gaukeln dem Betrachter etwas vor, was mit der Realität nicht viel zu tun hat. Wer wirklich wissen möchte, wie das fertige Haus einmal aussehen wird, wird seine Entscheidung am Modell treffen, an dem Haus im Kleinen, weil er dort alles erkennen kann, was auch das fertige Haus zum Vorschein bringen wird.

Was leisten Modelle, was Architekturpläne und Bildschirme nicht können?

Helmer. Das Modell bietet als einziges die Möglichkeit der Subjektive, der selbstgewählte Blick aus allen Richtungen. Beim Rendering bekommt der Betrachter immer etwas vorgesetzt. Durch entsprechende Voreinstellungen kann auch geschummelt werden. Es ist die Technik, die bestimmt, was zu sehen ist. Beim Modell funktioniert das nicht. Es zeigt das Gebäude, wie es ist oder wie es später einmal sein wird. In seiner ganzen Maßstäblichkeit, mit eventuell dunklen Innenhöfen oder verwinkelten Innenräumen. Beim Modell ist alles an einem Haus wichtig, auch das Dach als fünfte Fassade, die wir sonst nicht sehen können. Der Mensch als Betrachter entscheidet, wie er sich dem Modell nähert.

Bloss. Modelle kann jeder begreifen. Pläne muss man lesen können. Aber wer kann schon als Laie Grundrisse lesen? So gesehen sind Modelle auch eine Form der Demokratisierung von Architektur, weil sie sich nicht wie bei Plänen einer Fach- oder Geheimsprache bedienen. Oder weil sie nicht wie Renderings zusätzliche Effekte und Atmosphären schaffen. Wenn man an Projekte wie Stuttgart 21 denkt, dann weiß man, wie wichtig es ist, den Bürgern anschaulich am schlichten Modell zu zeigen, was geplant und gebaut werden soll. Erst so können die Leute überhaupt mitreden.

Nun gibt es sehr realistische, detailversessene Architekturmodelle, die ebenso wie Renderings in erster Linie gefallen möchten und abstrakte Modelle, die eigentlich nur andeuten, wie das spätere Haus oder ein ganzes Stadtquartier einmal aussehen wird. Welche Modelle bevorzugen Architekten und Modellbauer?

Bloss. Der Parademaßstab ist natürlich der Maßstab 1:500. Er ist auch bei Architekturwettbewerben der gängigste. Mit diesem Maßstab kann man gut Städtebau erklären, er kann aber auch die Anfänge von Architektur zeigen und eine Idee vermitteln, wie das Haus später einmal werden soll. Naturalistischen Modellen fehlt die notwendige Distanz zur Wirklichkeit, sie schmälern wahrnehmungsbedingt die Urteilsfähigkeit.

Helmer. Bei konzeptionellen Architekten sind detailgetreue Modelle, wie sie in Saudi-Arabien bevorzugt werden, – also getreue Nachbauten im Stil von großen beleuchteten Fallerhäuschen mit Autos, Bäumen und Figuren – natürlich verpönt, weil eben genau der gewünschte Abstraktionsgrad fehlt. Genau das ist ja die Kunst am Modell und die eigentliche Herausforderung für uns als Modellbauer, weshalb auch wir das abstrakte Modell bevorzugen: die richtige maßstabs- und materialgerechte Darstellungsweise am Modell zu finden. Ein Modell zu schaffen, das anschaulich ist, das die Räumlichkeit erkennen lässt und eben auch das Spiel von Licht und Schatten, ohne durch eine detailgetreue Spielerei zu manipulieren. Der Sinn eines Modells ist doch, eine Idee überschaubar zu machen und den Blick auf das Wesentliche zu schärfen.

Auch wenn Modelle häufig wie eigenständige Kunstwerke anmuten – für Architekten haben sie dennoch eine andere Funktion. Peter Zumthor sagt, Modelle seien keine Kunst, sondern Arbeitsinstrumente. Wie sehen Sie das?

Helmer. Es gibt Architekten, die Modelle als ein eigenständiges Werk in Auftrag geben und die von vornherein für Museen bauen lassen. Aber in der Regel sind sie Arbeits- und Anschauungsmodelle. Arbeitsmodelle bieten den Architekten die Möglichkeit der Überprüfung von Innenräumen und Fassadenstrukturen. Vor allem bei großen öffentlichen Projekten wie Museums- oder Theaterbauten wird die Planungsphase immer wieder anhand von verschiedenen Arbeitsmodellen überprüft.

Bloss. Es kommt auch häufig vor, dass wir bei Wettbewerben Modelle für verschiedene Büros anfertigen. In der vergleichenden Situation sehen wir dann, ob ein Entwurf gelungen ist oder nicht. Man kann sagen, wir sind die ersten Baumeister, die in der Planung des Architekten bauen. Das Modell zeigt unwiderlegbar, ob die Räume aufgrund von Ansicht, Schnitt und Grundriss wirklich funktionieren. Räumlichkeit braucht die konkrete Überprüfung, eben den dreidimensionalen Körper. So gesehen sind Modelle nicht nur Präsentationsmodelle einer abgeschlossenen Planung, sondern auch ein wichtiges Instrument im Entwurfsprozess, die den Architekten erlauben, Entscheidungen zu treffen, sich vorzustellen, wie etwas aussehen wird und schließlich zu einem Ergebnis zu kommen.

Helmer. Selbst wir als Modellbauer fertigen bei großen und aufwändigen Modellen in der Regel zuvor Muster an, weil sich auch bei uns erst in der Körperlichkeit und Materialität zeigt, ob unser Modell in der Ausführung das umsetzen kann, was wir geplant und entworfen haben.

Von Modellen geht eine besondere Faszination aus. Man kann immer wieder beobachten, wie Menschen ganz verzückt um die Miniaturgebäude oder Stadtmodelle herumgehen und sie von allen Seiten in Augenschein nehmen. Woran liegt das?

Helmer. Es ist sicher die Materialität, das Dingliche, die Wertigkeit, die von Modellen ausgeht. Als Betrachter gerät man ganz zwangsläufig in die fragende Rolle: Wie ist denn so etwas gemacht? Man bewundert die Handfertigkeit, das Superpräzise an Modellen und fragt sich: Wer darf und wer kann so etwas denn machen? Es steckt ja ein handwerkliches Wissen und Können dahinter, ein Anspruch an eine Tätigkeit, zu der ja auch eine mehrjährige Ausbildung nötig ist. Auch wenn der Beruf des Modellbauers natürlich auf Computertechnik beruht und ohne 3D-Animationen und Hightech-Geräte nicht auskommt.

Bloss. Diese handwerklichen Zuschreibungen und Eigenschaften des Modellbaus können virtuelle Computermodelle nicht vorweisen. Tatsächlich macht sich auch bereits eine gewisse Übermüdung angesichts der glatten 3D-Randerings breit. Wir sind wohl überfüttert mit Pixeln, Bits und Bytes. Letztlich bleiben computergenerierte Modelle eben doch nur virtuell und wir sehnen uns wieder nach Materialität und Haptik.

Helmer. Über unseren Berufstand müssen wir uns keine Sorgen machen. Es wird immer Modelle geben: Kein Architekturwettbewerb ohne Modell und ohne materialisierte Präsentation einer Idee kein abschließender Bauauftrag.

Vielen Dank für das Gespräch!