FOCUS | 18 / 2014

Wien, Wien, nur du allein

Die Donaumetropole im Porträt

FOCUS | 18 / 2014

Wien, Wien, nur du allein

Die Donaumetropole im Porträt

„… sollst stets die Stadt meiner Träume sein!“ – so die erste Refrainzeile des gleichnamigen Wienerlieds, quasi ein Welthit, den man seinerzeit gleich in mehrere Sprachen übersetzen ließ und auch in London oder Paris trällerte. Die gesungene Liebeserklärung an die legendäre Do­naustadt wurde 1912 komponiert und während des 1. Weltkriegs berühmt, der wiederum – bittere Ironie des Schicksals – mit dem Ende der Habsburgermonarchie auch den vorläufigen Niedergang der Welt- und Kulturmetropole markieren sollte. Soziale Probleme wie Armut und Wohnungsnot der Arbeiter, die große Weltwirtschaftskrise, der Nationalsozialismus und schließlich der 2. Weltkrieg taten ihr Übriges. In der Folge wurde Wien in direkter Nachbarschaft zum Eisernen Vorhang in seinen historischen Klischees gewissermaßen einbalsamiert, als ein Stadt gewordener Strauß-Walzer im ewigen Kaffeehausdämmerlicht. Zwischen Sachertortenschwülstigkeit und Heurigen-Rausch, Opernball und Lipizzaner-Ballett, spätmonarchischer Dekadenz und nicht zuletzt dem eigentümlichen wienerischen Hang zum Morbiden. In den 1960er und frühen 70er Jahren protestierte die junge Kunstszene in Wien mit teils drastischen blasphemischen und sittenwidrigen Happenings gegen den spießbürgerlich-katholischen Muff und schockierte die Öffentlichkeit. Die konservativen Behörden reagierten auf das an sich friedliche Treiben der sogenannten „Wiener Aktionisten“ gelegentlich auch mit Haftstrafen.

Die Schocker von damals haben längst Einzug in die bürgerlichen Kunsttempel gehalten – zuhause und in der ganzen Welt – und auch das biedere Wien der Nachkriegsjahrzehnte hat sich gewandelt, ohne sich jedoch selbst untreu zu werden. Spätestens mit dem Zerfall des ehemaligen Ostblocks ist die Stadt wieder in die Mitte Europas gerückt und ein „Wind of Change“ blies auch durch ihre Gassen. Aber natürlich: „Wien bleibt Wien“, so der Titel eines Marsches aus dem Kaiserreich und ein gerne bemühtes Bonmot. Man hängt noch an der guten alten Zeit und hat sich eine gewisse selbstgefällige Behäbigkeit, einen gepflegten Stoizismus sowie den berühmten Wiener Schmäh erhalten, jenen ganz eigenen Habitus zwischen Charme und ironisch-zynischer Bissigkeit. Doch ist Wien heute ohne Zweifel auch ein fortschrittliches, weltoffenes und multikulturelles Zentrum, eine pulsierende Weltstadt mit Charakter, gerade weil der Puls einen ganz eigenen Rhythmus hat – so ganz anders eben als im metropol-hysterischen New York, im schnoddrigen Paris oder im ewig pubertierenden Berlin.

Wien ist auch in wirtschaftlicher und geopolitischer Hinsicht wieder das Tor zum Osten geworden, mit 1,7 Millionen Einwohnern und einem ausgeprägten Bevölkerungswachstum. Die 2-Millionen-Grenze soll in den kommenden zwei Jahrzehnten überschritten werden. Im Großraum der Metropole lebt heute rund ein Viertel der österreichischen Bevölkerung, 2,4 Millionen Menschen. Laut der UNO ist die österreichische Hauptstadt die wohlhabendste Stadt der Welt und in einer internationalen Studie des Beratungsunternehmens Mercer belegte sie in puncto Lebensqualität 2012 zum vierten Mal den ersten Platz. Einer der wichtigsten Gründe dafür ist sicherlich dieser: Rund die Hälfte des Stadtgebiets ist Grünfläche. Die größte Parkanlage ist mit rund 600 Hektar der Prater, der damit etwa doppelt so groß ist wie der Central Park und neben dem berühmten Vergnügungspark mit seinem markanten Riesenrad eine in weiten Teilen natürliche und intakte Auenlandschaft umfasst, ganz unbemüht eingebettet in den urbanen Raum. Überhaupt ist es ungewöhnlich, wie in Wien Land und Natur mit der Urbanität verschmelzen. Mehrere landwirtschaftliche Betriebe befinden sich im Stadtgebiet, darunter ein von der Stadt selbst geführtes Bio-Hofgut, das mit 1.000 Hektar Anbaufläche zu den größten in Österreich zählt. Und Wien ist als einzige Stadt auf der Welt ein eigenständiges Weinanbaugebiet. Auf rund 600 Hektar werden innerhalb der Stadtgrenzen jährlich weit über 2 Millionen Liter Wein gekeltert.

focus_Biberstrasse_Greenbuilding
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Die energetische Sanierung des Gründerzeithauses in der Bibergasse 5 kann als vorbildlich gelten. Foto: Aucon - Real Estate Group

In Wien mit seinen zahlreichen historischen und denkmalgeschützten Bauten steht der nachhaltige Umgang mit dem Bestand vor ganz besonderen Herausforderungen.

Nachhaltigkeit auf dem Vormarsch

Neben dem buchstäblichen spielt auch das metaphorische Grün in Wien eine immer größere Rolle: So ist in der Baukultur die Nachhaltigkeit ganz klar auf dem Vormarsch, auch wenn beispielsweise die Österreichische Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen – das Pendant zur DGNB und den weltweiten Green Building Councils – erst 2009 ins Leben gerufen wurde, also eigentlich vergleichsweise spät. Das eigene Bewertungssystem für nachhaltiges Bauen TQB (Total Quality Building) wurde aber bereits Ende der 1990er Jahre entwickelt, rund zehn Jahre vor der DGNB-Zertifizierung, und seitdem mehrfach reformiert. Darüber hinaus engagiert sich in Österreich die Initiative klima:aktiv zur allgemeinen Reduktion des CO2-Ausstoßes auch verstärkt im Sektor Bauen und Sanieren und hat dafür einen eigenen Kriterienkatalog aufgestellt. Speziell in Wien mit seinen zahlreichen historischen und denkmalgeschützten Bauten steht der nachhaltige Umgang mit dem Bestand vor ganz besonderen Herausforderungen. Die erste energetische Sanierung eines Bürogebäudes aus der Gründerzeit, die nach den Vorgaben von klima:aktiv durchgeführt und zugleich von der ÖGNB nach TQB sowie nach dem internationalen Green-Building-Standard zertifiziert wurde, befindet sich in der Bibergasse 5 im Gemeindebezirk Innere Stadt. Das 1901 erbaute Haus mit seiner erhaltenswerten späthistoristisch-sezessionistischen Fassade wurde im Einklang mit den Anforderungen des Denkmalschutzes sensibel saniert und konnte trotzdem recht ambitionierte energetische Ziele erreichen. Die Gebäudehülle wurde im nicht einsehbaren Dach- und Innenhofbereich durch Außendämmung optimiert. Bauchemikalien-Management, Fenstertausch, eine Lüftungsanlage mit Wärmerückgewinnung, die Implementierung eines Energie-Monitorings und weitere kleinere Maßnahmen ergänzten das Sanierungskonzept. Alleine der Heizwärmebedarf konnte schließlich um fast 50 Prozent auf rund 15 kWh/m3a reduziert werden.

Zweimal hat der Ort Aspern bereits die Aufmerksamkeit der Welt auf sich gezogen: 1809 musste Napoleon hier auf dem Schlachtfeld seine erste Niederlage hinnehmen. 1912 wurde auf dem Areal der größte und modernste Flughafen Europas eröffnet.

Stadtentwicklung auf dem Flugfeld Aspern

Wiens Vorzeigeprojekt Nummer eins in Sachen Stadtentwicklung und Nachhaltigkeit ist jedoch „Aspern – die Seestadt“ im Gemeindebezirk Donaustadt, ein in Art und Umfang europaweit einzigartiges Projekt, das ebenfalls von der ÖGNB begleitet wird. Auf dem ehemaligen Flugfeld Aspern, wo zwischen den beiden Weltkriegen Wiens Flughafen angesiedelt war, sollen bis 2028 rund 240 Hektar bebaut werden, um dem erwarteten Bevölkerungswachstum gerecht zu werden. 10.500 Wohnungen für rund 20.000 Menschen, 15.000 Büroarbeitsplätze sowie weitere 5.000 Arbeitsplätze in verschiedenen Gewerben, aber auch Schulen, Kindergärten und weitere soziale und Freizeiteinrichtungen werden hier in den nächsten 15 Jahren buchstäblich aus dem Boden gestampft. Einige Gebäude sind bereits realisiert oder in fortgeschrittener Planung. Den Masterplan entwickelte der schwedische Architekt Johannes Tovatt.

Auf der eigenen Website des nach allen Regeln der Kunst vermarkteten Projekts wird man nicht müde zu betonen, wie gerne die Menschen hier in perfekter Balance zwischen Arbeit und Freizeit, Privatheit und öffentlichem Raum leben werden. Doch die ausgeprägte Kompetenz der Stadt Wien in Sachen Lebensqualität macht zuversichtlich, dass es sich hier nicht um leere Marketing-Worthülsen handelt. Im neuen Stadtentwicklungsgebiet setzt man gezielt auf eine gesunde Durchmischung von Funktionen und Bevölkerungsschichten, um zu verhindern, dass sich das Areal zu einer reinen Schlafstadt oder einem öden Geschäftsviertel entwickelt. Auffallend ist die für ein solches Stadtentwicklungsprojekt ungewöhnlich geringe Bebauungsdichte: Laut Mas­terplan sind rund 50 Prozent des Areals als öffentlicher Raum ausgewiesen. Und auch Individualität und Vielfalt werden hier groß geschrieben: Inmitten der verschiedenen Großprojekte verwirklichen sechs private Bauherrengemeinschaften beziehungsweise Baugruppen gemeinsam mit den Architekten überschaubare Wohnblocks gemäß ihrer individuellen Vorstellungen und Lebensentwürfe. Die späteren Bewohnerinnen und Bewohner organisieren sich dabei selbst und haben so die Möglichkeit, ihre Nachbarn bereits im Vorfeld kennen-zulernen. Davon verspricht man sich aktive und lebendige Hausgemeinschaften anstatt anonymer Wohnsilos. Dabei setzt jede Gruppe ihre eigenen Schwerpunkte – seien es Kinder oder Wellness. Die Baugruppe Que[e]rbau zum Beispiel, der Name spielt auf den englischen Begriff „queer“ (dt: von der Geschlechternorm abweichend) an, setzt nach eigenen Angaben auf „Bewohner_innen_Diversität: Alternative Familienformen, Ménage à trois, Paare, Singles, Schwul, Lesbisch, Bi, Trans, alle Generationen, Menschen mit besonderen Bedürfnissen, international“, so sollen die Bauherrinnen und -herren sein, die man sich in dieser Gemeinschaft wünscht. Umfangreiche Informationsseiten im Web werben für die Projekte – mit Kostenrechnern, verschiedenen Optionen zur finanziellen Eigenbeteiligung und Förderungsmodellen. Schon jetzt sind die Projekte teilweise ausgebucht.

Künstlerische Auseinandersetzung im Stadtraum

Der neue Stadtteil ist auch in das Netz des öffentlichen Personennahverkehrs eingebunden, zum Beispiel durch die U-Bahn-Station Aspern Nord, am nördlichen Rand der Seestadt. Hier trifft man auf ein spannendes Kunstprojekt, die Installation „Aspern Affairs“ des international renommierten deutschen Künstlers Stephan Huber. Zweimal in der Geschichte hat der Ort Aspern bereits die Aufmerksamkeit der Welt auf sich gezogen: 1809 musste Napoleon hier auf dem Schlachtfeld seine erste Niederlage hinnehmen. 1912 wurde auf dem Areal der größte und modernste Flughafen Europas eröffnet. Huber setzt sich in seiner Installation durch zwei 60 Quadratmeter große Landkarten mit diesen Ereignissen auseinander und verknüpft sie durch collageartige ästhetische Störungen und überlagernde Texte – teils philosophischer, teils poetischer oder eher skurriler Natur – mit der Geschichte Wiens im frühen 19. und 20. Jahrhundert. Zwischen den beiden Landkarten am jeweiligen Bahnsteigende ziehen sich farbige Streifen aus Einbrennlack, die „Lebenslinien“, über die Fensterflächen der Station. Jeder Streifen ist einer Persönlichkeit gewidmet, die während der jeweiligen historischen Ereignisse in Wien lebte – von Beethoven, Schubert, Schlegel oder Grillparzer im 19. Jahrhundert bis zu Freud, Klimt, Kokoschka, Loos, Schönberg oder Wittgenstein im 20.

Das vielschichtige, bedeutungstiefe Kunstwerk wurde in einer Kooperation des Verkehrsbetriebs Wiener Linien und der „KÖR – Kunst im öffentlichen Raum Wien“ über einen diskursiven Wettbewerb initiiert und realisiert. KÖR ist eine eigenständige GmbH mit der offiziellen Aufgabe, den öffentlichen Raum Wiens mit künstlerischen Projekten zu beleben – seien sie temporärer oder permanenter Natur. Dabei geht es bewusst nicht darum, visuelle Brachen und Unorte im Stadtraum durch mehr oder minder gelungen platzierte Plastiken aufzuhübschen – in Sachen Dekor ist Wien bestens bedient –, sondern um eine individuelle künstlerische Auseinandersetzung mit dem jeweiligen Ort. Finanziert wird die KÖR GmbH mit Mitteln aus den Geschäftsbereichen der Stadt Wien, die öffentliche Bauvorhaben realisieren. Von 2004 bis Ende 2013 wurden ganze 150 Kunstprojekte realisiert – 32 davon bleiben dem Stadtbild erhalten. Zwar setzt man bei den Projekten nicht explizit auf große Namen, die Liste liest sich dennoch wie ein Who’s who der zeitgenössischen Kunst: Valie Export, Alfred Hrdlicka, Olafur Eliasson, Joep van Lieshout, Heimo Zobernig, Erwin Wurm und viele andere Größen, aber eben auch ambitionierte Newcomer haben durch die Initiative von KÖR im öffentlichen Raum Wien ihre künstlerischen Spuren hinterlassen – und zu einer lebendigen und lebenswerten Stadt beigetragen. Denn die Qualität einer Stadt bemisst sich neben den allgemeinen Wohn- und Arbeitsoptionen, der wirtschaftlichen und technologischen Infrastruktur sowie den rekreativen Sphären nicht zuletzt an einer vielfältigen kulturellen Identität mit vitalen intellektuellen sowie ästhetischen Impulsen – und das bietet Wien in allen denkbaren Facetten.

Man kann mit gutem Gewissen die Strauß-Walzer und Wienerlieder nicht mögen. Man darf die süße Sachertorte für kulinarisch überbewertet und den sauren Heurigen für ungenießbar halten. Man muss auch den denaturierten Lipizzanern und dem Opernball-Kult nichts abgewinnen können. Man kommt aber beim besten Willen nicht umhin, Wien einfach wunderbar und einzigartig zu finden, als einen Ort, der sich über die Wirren der Zeit hinweg seinen individuellen Charakter erhalten und der globalen Homogenisierung einiger­maßen erfolgreich widerstanden hat. Die Geschichte der ewigen Donaumetropole bleibt spannend – und Wien immer eine Reise wert. Wenn nicht gar einen Umzug.

Ein Interview mit dem Künstler Stephan Huber und Impressionen seiner Installation finden Sie hier.

 

Text: Michael Neser